Ebenso einflußreich wie verständnisvoll resümierte der deutsche IOC-Vizepräsident Willi Daume nach seiner dreitägigen vorolympischen Moskau-Visite: „Ich halte es für gut, daß sich ein solches Land für Olympische Spiele öffnen muß. Das ist allerdings da ein Problem. Wir wollen helfen. Am wichtigsten ist die Überwindung der eigenen Bürokratie.“ Doch kaum hatte Daume wieder deutschen Boden betreten, verkündete in Anwesenheit von IOC-Präsident Lord Killanin der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der Vereinigten Staaten von Amerika, Phillip Krumm, Los Angeles werde sich um die Olympischen Sommerspiele und Lake Placid für die Winterspiele 1980 bewerben. Vier Wochen vor Ablauf der Bewerbungsfrist (31. März 1974) war damit der erste Gegenkandidat der sowjetischen Hauptstadt notifiziert.

Aus dem amerikanisch-sowjetischen Zweikampf wird mit größter Wahrscheinlichkeit kein olympischer Dreikampf werden. Der mit Ölmilliarden reich gesegnete Schah von Persien will nur Gastgeber der VII. Asienspiele im September dieses Jahres in Teheran sein. Moskaus Sportchef Sergej Pawlow mußte sich auch von Willi Daume auf die Gefahr eines Negativ-Images hinweisen lassen. Überhaupt, so empfand Daume bei seinen Moskauer Beratungsstunden, waren die Sowjets wie nie zuvor offen für Kritik. Es scheint, als habe Moskau auch allen Grund dazu. Vier Wochen vor Ablauf der Bewerbungsfrist und acht Monate bis zur Entscheidung des IOC im Oktober 1974 in Wien befinden sich Moskaus Sportstrategen in einer ziemlich miesen Lage.

Dabei übertreffen die Vorbehalte, das Mißtrauen um die Aversionen gegenüber Olympischen Spielen in Moskau auch die damals in kommunistisch-sozialistischen Agitationsstuben inszenierte Kampagne gegen die Ausrichtung der XX. Olympischen Sommerspiele 1972 in München. Obwohl damals zwischen Ostberlin und Moskau die „Madigmachen-Strategie“ verfolgt wurde, stellt sich in einem Zeitvergleich die Lage von München im Gegensatz zu Moskau geradezu rosig dar. Allenfalls Hitlers Olympiamacher hatten vor den Spielen 1936 mit mehr Ablehnung und Kritik zu kämpfen als Moskau anno 1974. Der Mängelkatalog reicht von lästigen Reglementierungen, künstlichen Zwangsumtauschsätzen bis zu situationsbedingten Rückwirkungen aus dem Fall des ausgebürgerten Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Taktische Mißgriffe und Fehlverhalten gegenüber ungeliebten Israelis bei der Universiade 1973, überzogene Moskau-Präsenz bei dem Olympischen Kongreß 1973 in Varna und wüste Beschimpfungssalven gegenüber Funktionären des Weltfußball-Verbandes (FIFA) bei der Disqualifizierung der UdSSR wegen des Nichtantretens zum Rückspiel in Chile haben die Sympathie für Moskau nicht gerade gesteigert.

Die entscheidende Frage, was geschieht, wenn Moskau, das bereits 1970 im ersten Anlauf gegen Montreal um die Spiele 1976 auf der Strecke blieb, zum zweiten Male abgewiesen wird, ist für Daume ein Blick in eine düstere Zukunft des IOC. Eine solche Brüskierung könnte die prestigebedachte Sportführung der UdSSR kaum hinnehmen. Neben den Sorgen um die Zukunft des IOC verspricht sich Daume von einer Vergabe der XXII. Olympischen Spiele 1980 an Moskau auch Vorteile in den bilateralen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland und der UdSSR. Abgesehen davon, daß nach Daumes Eindruck dem sowjetischen Sportminister der Sportstreit in der Berlinfrage zum „Halse heraushängt“, ist der international absolut populärste deutsche Sportführer zwischen Rhein und Oder optimistisch, daß in absehbarer Zeit eine vernünftige Lösung – auch für Westberlin – zustande kommt. „Viel hängt davon ab, ob Moskau endgültig die Spiele 1980 bekommt“, meint Daume, der dann von Moskau das eine oder andere Zugeständnis erwartet.

Tatsache ist, daß Moskau, wenn auch zum Ärgernis der teilweise militanten DDR-Funktionäre, ohne oder gar gegen Daume nur schwerlich zu Olympischen Spielen 1980 kommt. Immerhin hält Daume die Erfahrungen der XX. Olympischen Spiele 1972 noch in seinem Köcher, und hierauf legen die sowjetischen Sportplaner extremen Wert. Daume: „Die Erfahrungen von München können durch Experten und ganze Teams Verwertung finden, die kurzfristig oder für längere Zeit in Moskau bleiben.“ Als Daume seinen Moskauer Gesprächspartnern Schätzungen (etwa 1,5 Millionen Besucher, mindestens 7000 Journalisten und technisches Personal oder wie in München 2800 Autos) offerierte, blieben die Reaktionen nicht aus. Eine Olympia-Touristen-Kommission trat statt 1975 bereits wenige Tage nach Daumes Abreise zusammen. Was Moskau so alles verdauen muß, will es Olympische Spiele 1980 haben, prophezeite Willi Daume in der Rolle des IOC-Kissinger mit Weitblick: Die Olympiamannschaft der Volksrepublik China wird 1980 ins Moskauer Leninstadion einziehen.

Ernst Dieter Schmickler