Vergangene Woche trat der französische Premierminister Messmer zurück – um nach ein paar Stunden eine neue Regierung zu bilden. Als Messmer seine Ministerliste bekanntgab, war die Verblüffung vollkommen: Das Kabinett war zwar kleiner geworden, wies aber kein einziges neues Gesicht auf.

Eine Polit-Show zur Verwirrung des Publikums? Das war das Revirement in der Tat. Und es gibt auch keinen Zweifel, wer hinter der Aktion steht: Staatspräsident Georges Pompidou. Der Kritik an Pierre Messmer begegnete der Präsident auf seine Art: Er stellte den vielgescholtenen, unbeliebten Premier als Mann seines Vertrauens erneut an die Spitze.

Heute heißt die offizielle Parole: Nicht Messmer war schwach, sondern seine Equipe zu groß. In der Tat hatten zahlreiche Minister ihre Meinungsverschiedenheiten in aller Öffentlichkeit ausgetragen, was nicht gerade für die integrierende Fähigkeit Messmers sprach.

Messmers dritte Regierung ist unter dem Leitspruch angetreten: „Solidarität, Zusammenhalt, Konzentration.“ Und um die Bildung der „neuen“ Mannschaft noch plausibler zu machen, wurde sie zum „Krisenkabinett“ hochstilisiert.

Steckt Frankreich wirklich in einer Krise? Die Zeichen sind noch nicht so drohend: Die Inflation nimmt zwar langsam auch für Franzosen beängstigende Ausmaße an; doch die Gewerkschaften halten noch still. Auch von drohender Massenarbeitslosigkeit kann nicht die Rede sein, obwohl in einzelnen Branchen die Aufträge beträchtlich zurückgehen.

Falls Pompidou innenpolitische Auseinandersetzungen befürchten würde, hätte er sicher die Basis seiner Regierung erweitert und die längst erwartete Öffnung zur Mitte, also zu Servan-Schreiber und Lecanuet, vollzogen. Würde der Präsident aus Gesundheitsgründen mit einem baldigen Rücktritt rechnen, hätte er wahrscheinlich seinen potentiellen Nachfolger (etwa Chaban-Delmas oder Giscard d’Estaing) auf den Sessel des Premiers berufen. Wäre dem ersten Mann im Staat gar bange vor einer Isolierung seines Landes, dann hieße der Außenminister nicht erneut Michel Jobert.

Die einzige aktuelle Krisendrohung stellt heute die erwartete Energieknappheit dar. Doch auch in dieser Frage wird bewußt übertrieben. Gewiß wird es Frankreich schwer haben, die Probleme der Ölknappheit und -teuerung zu meistern, da die eigenen Energiequellen sehr gering sind. Doch andererseits wird den Franzosen seit Monaten eingeredet, die freundschaftlichen Beziehungen zu den Arabern seien die beste Garantie für eine sichere Ölversorgung.