Von Victor Gero

Weil Franklin D. Roosevelt ein Kinderlähmungsopfer war, wurde in den Vereinigten Staaten die Polioforschung besonders kräftig gefördert – mit Erfolg, wie wir wissen. Eisenhowers Herzanfall setzte eine nicht minder erfolgreiche intensive Fahndung nach den Ursachen des Infarkts in Gang. Auch in Großbritannien hat, wie zu erfahren ist, das Leiden einer hohen Persönlichkeit einen Forschungszweig zu erhöhtem Tatendrang verholfen. Weil sich Prinzessin Margaret hin und wieder mit Migräne herumquälen muß, wird nirgendwo in der Welt so viel für die Linderung dieser Krankheit getan wie in England.

Wer von einem Migräneanfall geplagt wird, kann sich nur verkriechen und abwarten, bis ihn die Unbill wieder verläßt – nicht so in London. Dort begibt sich der Bresthafte schleunigst in die Princess Margaret Migraine Clinic, wo er kostenlos behandelt wird, und das hilft in der Tat. Bezeugen können dies über 1600 Patienten, die in den vergangenen drei Jahren diesem Rat gefolgt sind. Innerhalb vier Stunden ist der Patient wieder beschwerdefrei, was verglichen mit den üblichen 24 Leidensstunden durchaus als Erfolg gelten darf.

Die Klinik in London ist eines der 18 Forschungsprojekte, die vom Migraine Trust finanziert werden, eben jener Einrichtung, die Prinzessin Margaret ins Leben gerufen hat. Außer den 1600 akuten Fällen hat das Krankenhaus in den drei Jahren seines Bestehens 6000 Migränekranke behandelt, die von anderen Ärzten überwiesen worden waren.

Der Klinikleiter, Dr. Derek R. Mullis, hat darauf bestanden, daß die Kranken für die Behandlung nicht zu bezahlen brauchen, weil nur so alle Bevölkerungskreise erfaßt werden können und die Bedingungen für eine wirkliche Erforschung des Leidens gegeben sind. Ausländer freilich kommen nicht in den Genuß der kostenlosen Betreuung; ihnen schickt das Hospital eine Rechnung über ungefähr 75 Mark.

Die Ursache der Krankheit, die nach englischen Schätzungen jeden zehnten Menschen befällt, ist noch unbekannt. Immerhin gibt es Hinweise auf begünstigende Faktoren. Bestimmte Nahrungsmittel, die Tyramin enthalten wie Kaffee, Rotwein oder Schokolade, lösen bei einem Teil der Leidenden den Anfall aus, manche Frauen reagieren mit den quälenden Kopfschmerzen auf die Pille, andere leiden regelmäßig, wenn die Menstruation einsetzt. Kinder werden nach körperlicher Anstrengung von dem bohrenden Schmerz und der damit einhergehenden Übelkeit heimgesucht, was möglicherweise mit der Senkung des Blutzuckerspiegels durch physischen Streß zusammenhängt.

Ebenso unbekannt wie die Ursache ist eine sichere Behandlung des Leidens. Dennoch vermochten die Ärzte und Schwestern der Migräneklinik den Kranken wesentliche Erleichterung zu verschaffen. Voraussetzung dafür ist nach Ansicht der Mediziner eine gründliche Anamnese, die Erfassung aller möglicherweise zum Leiden beitragenden Daten, die in dem Londoner Spezialkrankenhaus per Computer ausgewertet werden. Danach richtet sich die Behandlung, und im ständigen Vergleich zwischen Anamnesedaten und Therapieergebnis, den der Computer vornimmt, schält sich allmählich ein effizientes Behandlungsschema heraus.