„Der Sommer des Delphins“, Roman von Maurice Shadbolt. Fast wäre dem Neuseeländer Shadbolt der längst fällige Abgesang auf ein seit dem klassischen Altertum unzählige Male variiertes Sujet gelungen, dessen neuere Adaptionen ohnehin mehr Unbehagen als geistigen Genuß bereiten. Das gilt speziell für die literarische Delphinologie unserer Zeit: Je höher der „dichterische“ Anspruch, desto peinlicher die artifizielle Einfalt des Erzählers. – Shadbolt setzt sich mit subtilem Kitsch dieser Art immerhin einigermaßen wirklichkeitsnah auseinander. Zwar fehlt seiner Profanierung des mythologischen Themas die letzte Konsequenz, aber man kann es auch umgekehrt sehen: Gemessen an der im Klappentext angedeuteten „wahren Begebenheit“, die Shadbolt inspirierte, hat der Roman – im Sinne engagierter Unterhaltung – durchaus seine Qualitäten. – An der Küste bei Opononi (Nordinsel Neuseelands) tummelte sich 1955 ein Delphin, dessen kinderfreundliches Verhalten und artistische Verspieltheit dem abgelegenen Städtchen vorübergehend zu Prosperität verhalfen. Nach einjährigem Gastspiel verendete „Opo“ in einer Felsspalte. Der Schauplatz des Romans ist die neuseeländische Küsteninsel Motutangi, heruntergekommenes Domizil für Rentner und Pensionäre, „Zufluchtsort für die Verwundeten des Lebens“. In der Kontrastszenerie von Tristesse und „Traumbild eines weißen Pazifikstrandes“ begegnen einander einige dieser Gescheiterten, Verzweifelten, Verlassenen. Die mit Abstand beste Geschichte handelt von dem politisch enttäuschten linken Schriftstelle! Ben Blackwood und dem moralischen Verrat an seiner südafrikanischen Freundin Sheila. Mit der Ankunft des Delphins Motu beginnt eine Zeit der Euphorie für die einen, der Hochkonjunktur für die anderen. Die Insel verwandelt sich in ein polynesisches Lourdes. Einigen scheint der Ausbruch aus ihrer Krise zu gelingen. Doch der Verzauberung folgt die Desillusionierung. Motu wird von einem Hai getötet. „Auf Motutangi ist wieder alles beim alten.“ (Aus dem Englischen von Helmut und Christel Wiemken; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1973; 239 S., 19,80 DM.) Egbert Hoehl