Skandalöse Behandlung von psychiatrischen Pflegefällen

Von Ernst Klee

Normalerweise müßte der hessische Landeswohlfahrtsverband (LWV) seinen Bankrott erklären; denn er ist nicht mehr in der Lage, Hessens Patienten zu versorgen. Alte Menschen, psychisch Kranke, ja selbst geistig behinderte Kinder schiebt Hessens höchster Sozialhilfeträger an private Gebrechlichkeits-Unternehmen ab. Nachdem die Tausend-Betten-Kapazität des Senkrechtstarters im Pflegegeschäft, der Braatz & Poths KG, offensichtlich nicht mehr ausreicht (Poths: "Die Altenpflege ist eine Aufgabe wie jede andere Produktionsaufgabe in der Gesellschaft." ZEIT Nr. 43/1972), überschritt der LWV im Herbst letzten Jahres die Landesgrenzen.

In Rheinland-Pfalz, dem Nachbarland, dem man gern beweist, sozial fortschrittlicher zu sein, suchten die Hessen weitere Betten. In Bad Dürkheim fanden sie im Sanatorium "Sonnenwende" das Haus und mit dessen Geschäftsführer Peter Schuermann einen willfährigen Geschäftspartner.

Der hessische Landeswohlfahrtsverband wollte im Weinort Dürkheim seine Pflegefälle abladen; denn im eigenen Land fällt in den psychiatrischen Landeskrankenhäusern in überfüllten Sälen meist nur Massenpflege an. Geplant war ein Heim für reine Pflegefälle. "Es gibt eben Menschen", sagt Friedrich-Karl Hartmann, stellvertretender Leiter des Landessozialamts, "wo man nur noch pflegen kann. Das klingt vielleicht ein bißchen brutal, aber aus einem Idioten kann man keinen Professor machen."

Jeden Montag ein Bus

Und sicherlich haben es die rund 350 Patienten aus Hessen, die man ins Weingebiet verlegte, in Dürkheim besser getroffen als etwa in der hessischen Psychiatrie in Goddelau. Über die Art und Weise, wie diese Massenverlegungen vonstatten gingen, berichtet ein Augenzeuge: "Jeden Montag kam ein Bus, der von irgendeinem Landeskrankenhaus die Ware brachte."