Milliarden von Dollar werden verschwendet, Hunderttausende von Patienten unnötigerweise ins Krankenhaus eingewiesen und Tausende von Menschen müssen vorzeitig sterben. Ihr Tod war ebenfalls unnötig. Dies alles ist sattsam bekannt; es ist der Preis, den die Gesellschaft für die exzessiven Geschäftspraktiken der Pharma-Industrie bezahlt.“

Diesen brisanten Angriff auf Amerikas Arzneimittelproduzenten führte letzte Woche Dr. Sidney Wolfe, Direktor der Forschungsgruppe für Gesundheit im Büro des amerikanischen Verbraucheranwalts Ralph Nader. Der Zeitpunkt der Attacke gegen die US-Pharmahersteller war klug gewählt, auch die Härte scheint gerechtfertigt und mehr noch: Dr. Wolfes Vorwurf hat – zumindest für die westlichen Industrienationen – allgemeine Gültigkeit.

Mit Anhörverfahren und Expertenstudien ist derzeit ein Unterausschuß des amerikanischen Senats darum bemüht, Amerikas pharmazeutische Industrie zu durchleuchten.

Alarmierendstes Untersuchungsergebnis, dessen Schweregrad wohl auch die Ohren westdeutscher Pharma-Kritiker zum Klingen bringen wird: Mehr als die Hälfte aller in US-Hospitälern verabreichten Antibiotika ist entweder überflüssig oder wird falsch verordnet.

Umgerechnet rund 550 Millionen Mark macht die nutzlose Verschreibungsflut alljährlich aus wie Dr. James A. Visconti vom Ohio State University’s College of Pharmacy schätzt. Schlimmer, jedoch als die sinnlose Geldausgabe sind die Folgen der falsch verordneten Medikamente. Bei jedem siebten Patienten (14 Prozent), so der Erfahrungswert des Pharma-Experten aus Ohio, stellen sich nach Einnahme der Antibiotika so heftige Gegenreaktionen ein, daß er länger im Krankenhaus bleiben muß als ohne Antibiotikabehandlung. Die Spätfolgen schließlich des Antibiotikamißbrauchs – auch bei westdeutschen Ärzten ist die Verschreibung von Breitbandantibiotika bei relativ harmlosen Erkrankungen wie Husten oder leichter Reizung der Mandeln fast schon Routine – schilderte Dr. Charles C. Edwards Unterstaatssekretär am US-Gesundheitsministerium. Außer Geldverschwendung und unvorhersagbare Nebenwirkungen „führt die übermäßige Antibiotikaverabreichung zu neuen gefährlicheren Infektionskrankheiten, die noch schwerer zu heilen sind. Viele Ärzte, so vermutet der staatliche Gesundheitshüter, mögen die bakterientötenden Mittel guten Glaubens auch dort verordnen, wo keine Bakterien zu töten sind, weil diese Doktoren von der Omnipotenz dieser Medikamente überzeugt seien. Weit häufiger freilich dürfe es sich nur darum handeln, daß der Arzt meint, „er müsse unbedingt etwas tun“, um die Erwartung des Patienten zu erfüllen.

Unklar ist noch, wie die Antibiotikaflut eingedämmt werden kann. Der Ausschußvorsitzende Senator Edward M. Kennedy möchte gern die Vertreter der Pharmabranche in die Pflicht nehmen, daß sie bei ihren Arztbesuchen die Antibiotika ihrer Firmen mit weniger Nachdruck anpreisen. fb