Von Dieter Buhl

Auf einen Hauch von Abgeschiedenheit und Ruhe, auf Inselgefühle braucht der Juist-Besucher nicht lange zu warten. Der Vorgeschmack stellt sich schon an der Mole von Norddeich ein. Nicht nur Wellen und fünfviertel Stunden Schiffahrt trennen den Reisenden vom Ziel; wenn er zur Unzeit ankommt, und das ist meistens der Fall, spielt ihm auch noch die Tide einen Streich: Ebbe – das heißt warten, bis auf der ganzen Strecke wieder Wasser unter den Kiel kommt. Aber nur keine Hast, die nächste Woge kommt bestimmt und zur angegebenen Zeit.

Juist, die Insel, das ist Meer und Watt, der Schiffsanleger weit draußen an der Balje und das Bähnchen, das von dort zum Bahnhof fährt. Aber insular sind auch die Menschen, die Meinungen und Merkwürdigkeiten. In der Abgeschiedenheit ist vieles erhalten geblieben, was drüben, auf dem Festland, längst verschwunden oder überwunden ist: gute alte Gewohnheiten und auch ein bißchen Muff.

Wo funktioniert denn heute noch so etwas: Der Koffer wird auf dem Schiff aufgegeben und findet sich garantiert und rechtzeitig in der Unterkunft des Gastes wieder? Wo wird denn das noch geboten: daß jeder Ankömmling, ob er will oder nicht, auf Film gebannt wird und den ganzen Urlaub lang sein Konterfei inmitten vieler, vieler anderer vor den Drogerien und Photoladen bewundern kann? Und wo gibt es vor allem das noch heutzutage, was sich in Juist am schnellsten einprägt: Pferde, nichts als Pferde.

Es heißt, die neuen Gäste würden von den alten am Juister Bahnhof mit dem Ruf begrüßt: „Oh, wie blaaß!“ Mag sein. Eltern jüngerer Kinder zumindest werden kein Gehör für solche Ritualien haben. Sie müssen alle Sinne beisammenhalten, um die lieben Kleinen von den ungewohnten Attraktionen fernzuhalten: Pferde, überall, vor Gepäckwagen, Kutschen und sogar vor Bussen. Die freudige Überraschung hält lange an. Es dauert Tage, bis nicht mehr jeder Gaul mit Jubel begrüßt, jeder Pferdeapfel als Sensation bewundert wird.

Aber letztlich freuen sich alle Gäste an den vierbeinigen Attraktionen der autolosen Gemeinde, in der nur der Arzt, der Krankendienst und die Feuerwehr Benzingestank und Motorlärm verbreiten dürfen und sonst niemand. Im Urlaub ist dieser Ausnahmezustand doppelt schön, weil er selbst dem zu einem bißchen Ferien vom verkehrsstrapazierten Ich verhilft, der sonst vom Lenkrad nicht lassen kann. Auf Juist zählen nur die Pferde, nicht die Pferdestärken. Ohne das kaschierende Blechkleid wird der Mensch in seinem Ansehen wieder stärker auf sich selber reduziert, und alle werden ein bißchen gleicher.

Die Autos bleiben auf dem Festland. Juist ist Fußgängerzone. Das bringt viele Vor- und gar keine Nachteile. Denn die zweitwestlichste der Ostfriesichen Inseln ist lang, 18 Kilometer, und mißt an ihrer breitesten Stelle nur 500 Meter. Der Strand ist deshalb von jedem Hotel und jeder Pension in wenigen Minuten zu erreichen. Das ist ein Plus für jedermann und ganz besonders für ältere Leute und leidgeprüfte Elternpaare. Sauberer als auf Sylt, breiter als auf Norderney, einladender als auf Bornholm – das ist ein Superstrand, der Stolz der Juister. Zumal für Kinder wird es keinen schöneren geben. Auch bei Flut läuft das Wasser so flach an, daß selbst die Kleinsten stehen können. Bei Ebbe läßt das Meer Priele zurück, Planschbecken, die die Erwachsenen neidisch auf den Nachwuchs machen.