Viele der heute Mächtigen in Afrika waren noch nicht geboren, als Haile Selassie 1928 den äthiopischen Thron bestieg. In seiner schon historischen Würde ist der Respekt der meuternden Truppen gegenüber dem 81jährigen Monarchen begründet, obwohl sie Selassies Herrschaftssystem an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben.

Die Autorität des Negus bewirkte, daß die Streitkräfte nach dem Rücktritt des unpopulären Premierministers Wold seinem Nachfolger Makannen und der etablierten Schicht eine Chance geben.

Dämpfend wirkte auch, daß Haile Selassie einer ersten Solderhöhung von 25 Prozent noch rasch eine zweite von weiteren zwölf Prozent folgen ließ. Aber der Unmut über die Teuerung ist nur ein Grund des Aufbegehrens. Ohne grundlegende Reformen wird die Rebellion, der sich die Studenten, Lehrer, Taxifahrer angeschlossen haben, bald eine Neuauflage erleben.

Am Dienstag kündigte der Kaiser eine neue Verfassung innerhalb von sechs Monaten an. Sie soll die Befugnisse des Herrschers beschränken, die Grundrechte garantieren und die parlamentarische Verantwortlichkeit des Ministerpräsidenten festlegen. Die angedeuteten Konzessionen des Monarchen zeigen, wie das hierarchische System des Landes erschüttert worden ist, nicht zuletzt wegen der schweren Hungerkatastrophe.

Bis zu 75 Prozent der Ernte lassen sich die reichen Grundbesitzer – unter ihnen Minister, die koptische Kirche und Mitglieder der kaiserlichen Familie – von ihren Pächtern als Zins bezahlen. In Flugblättern forderten deshalb rebellierende Soldaten von zurückgetretenen Ministern, daß sie nicht frei bleiben dürften. „Sie müssen uns erst erklären, wo sie ihre Gelder versteckt haben. Wir werden zudem verlangen, daß sie die Ländereien zurückgeben, die sie den Armen abgenommen und dann verpachtet haben.“

Die äthiopische Regierung hat am Dienstag das seit der Rebellion des Militärs über Addis Abeba verhängte Ausgehverbot (nach Einbruch der Dunkelheit) wieder aufgehoben. Gleichzeitig bereiteten Studenten und Arbeiter einen Generalstreik vor. Nach Angaben von Gewerkschaftsführern soll er so lange fortgeführt werden, bis die Regierung in Verhandlungen über 17 Reformpunkte eintritt, die hauptsächlich wirtschaftliche Probleme betreffen.