Franz Ritter von Stuck, der einen galoppierenden Kentauren im Wappen führte, ein Maler, dem die Adelsverleihung den Status eines Künstlerfürsten offiziell bestätigte, gehörte bis vor wenigen Jahren zu jenen vergessenen Publikumslieblingen, von denen man nur noch wußte, daß sie tatsächlich einmal im Brennpunkt des Interesses gestanden hatten. Inzwischen haben der Mann und sein Werk wieder erkennbare Kontur erhalten, nicht zuletzt durch die große Münchner Ausstellung 1968. Der Mann und die Zeit, in der dem Müllerssohn aus dem niederbayerischen Tettenwies sein märchenhafter Aufstieg gelingen konnte, und die Gesellschaft, die ihn groß machte, haben erneut Aufmerksamkeit gefunden. Nach der pauschalen Ablehnung droht nun die pauschale Ehrenrettung. Um so angenehmer ist die differenzierte Betrachtungsweise, mit der Heinrich Voss im einleitenden Essay zum Werkkatalog der Gemälde das Thema behandelt. Das Oeuvre-Verzeichnis, dreifach aufgeschlüsselt (systematisch, nach Themen und chronologisch), bildet das Rückgrat dieses ersten Bandes von „Materialien zur Kunst des 19. Jahrhunderts“ im Rahmen des Forschungsunternehmens Neunzehntes Jahrhundert“ der Fritz-Thyssen-Stiftung. Gestützt auf das Skelett von Daten, vermittelt der Autor eine Vorstellung von der Art, wie Stuck überlieferte Themen umwandelte, wie er sie in Übereinstimmung mit Zeit-Tendenzen formulierte. Es wird deutlich, daß der Maler eigentlich keiner besonderen Anstrengung bedurfte, um sich durchzusetzen, aber auch, daß er, über Nacht, passé war, als seine Kunst nicht mehr mit der herrschenden Strömung in Einklang stand. Stucks Malerei stellt sich für Heinrich Voss als Symptom dar für den Zustand einer Gesellschaft, die solcher Kunst bedurfte. In welcher Weise Stucks Malerei Kunst ist, inwiefern sie uns auch heute noch als ästhetisches Phänomen interessieren könnte, diese Fragen hat Voss allerdings nicht endgültig beantwortet. (Prestel Verlag, München, 1973; 323 Seiten mit 8 Farbtafeln und 640 Abbildungen, 110,– DM.) Helmut Schneider