Henry Kissingers vierte Vermittlerreise in den Nahen Osten hat lediglich bewirkt, daß beide Kontrahenten – Syrien und Israel – sich bereit erklärten, weiter über ein Aneinanderrücken ihrer Truppen auf den Golanhöhen zu verhandein. Konkrete Vereinbarungen wie im Januar zwischen Israel und Ägypten erreichte der amerikanische Außenminister diesmal nicht. Die Regierungen in Damaskus und Jerusalem wollen jedoch in Kürze Unterhändler nach Washington schicken, um ihre kontroversen Standpunkte über ein Disengagement unter amerikanischer Vermittlung doch noch auf einen Nenner zu bringen.

Kissinger, der den sowjetischen Außenminister Gromyko zur gleichen Zeit zwischen Damaskus und Kairo hin- und herreisen sah, ohne ihm zu begegnen, hat der israelischen Regierung in der vergangenen Woche eine Liste mit den Namen der Kriegsgefangenen in Syrien überbracht. Damit sah Israel seine Vorbedingungen für Verhandlungen erfüllt. Es zeigte sich dann aber, daß beide Seiten von bisher nicht überbrückbaren Vorstellungen ausgehen:

  • Syrien verlangt, daß die Israelis schon beim ersten Auseinanderrücken ein größeres Gebiet räumen, als sie im Oktoberkrieg erobert haben.
  • Die Syrer wollen ein Disengagement mit einer Gesamtlösung des Nahostkonfliktes verklammern.

Beide Forderungen gehen für die Israelis über die Nahziele einer Truppenentflechtung hinaus. Sie sind für sie schon Bestandteile der zur Zeit unterbrochenen Friedensverhandlungen in Genf. Die besonderen Schwierigkeiten gegenüber dem Suez-Abkommen liegen darin, daß Syriens Präsident Assad innenpolitisch schwächer ist als sein ägyptischer Partner Sadat. Das Gleiche gilt für Israel. Dort hat sich Golda Meir bereit erklärt, eine Minderheiten-Regierung (mit 58 von 120 Mandaten) zu bilden, nachdem die beiden Minister Dayan (Verteidigung) und Peres (Verkehr) nun doch ins Kabinett eintreten wollen.