Von Sybille Herrmann

In der Sennjochhütte bedient der Wirt seine Gäste persönlich. Wenn er gut aufgelegt ist, holt er sogar den Selbstgebrannten Obstler hervor oder bietet ein Stück vom hausgeräucherten Speck an. Und nach dem dritten Stamperl kommt der Jochgeir-Wirt dann ins Fabulieren: „Früher“, so meint er, „da hat so eine Literflasche fast den ganzen Winter gelangt.“ Früher, das war die Zeit, als noch kein Lift ging und von Fulpmes nur Tourenfans zur Schlicker-Alm und zum Jochgeir aufstiegen.

Heute sind die Schneehänge in den Alm-Kesseln unter dem Kreuz- und Sennjoch mit mechanischen Aufstiegshilfen zu erreichen, und der Jochgeir hat sein Geschäft auf Pisten-Promenierer, die mit Kondition und Geld nicht mehr so haushalten müssen, längst umgestellt: Im Frühjahr steht er mit dem Mixbecher hinter seiner Schneebar auf der Schlicker-Alm und serviert, was zum Après heiß und locker macht.

Noch vor fünf Jahren konzentrierte sich der Fremdenverkehr im Stubaital auf Sommertouristen, die auf markierten Wanderwegen flanierten oder mit Führer in Fels und Eis herumkraxelten. Immerhin haben die Stubaier Berge 60 Dreitausender und acht Gletscher zu bieten. Wer ans Stubaital dachte, dem kamen zuerst das Zuckerhütl und handgeschmiedete Eispickel in den Sinn. Heute werben die Touristenmanager mit „der höchsten Seilbahn Österreichs“ (3200 m) und „ganzjährigem Skibetrieb“. Und was das Renommee als Skigebiet beträchtlich hebt: Die Nationalmannschaften verschiedener Alpenländer trainieren in dem schneesicheren Abfahrtsrevier, und Österreich züchtet sich seinen Rennachwuchs in der Skihauptschule von Neustift, in der es im Unterrichtsprogramm nicht nur um Mathematik, sondern auch um. Sekundenbruchteile beim Skisport geht.

Vor fünf Jahren entdeckten die Stubaier also erst, wie man Schnee in Geld verwandelt: Sie bauten in Fulpmes den ersten größeren Lift auf das Sennjoch (2240 m), ersparten den Skitouristen dadurch manchen Schweißtropfen und kassieren seitdem in bar. Trotzdem: Die Preise sind immer noch niedriger als in den traditionellen. Wintersportorten. Übernachtung mit Frühstück gibt es im Privatquartier schon ab acht, im Gasthaus ab elf, im Hotel ab 14 Mark. Das Liftabonnement kostet für eine Woche 450 Schilling (mit Gletscherbahn 700).

Ein weiterer Pluspunkt: Die Skifahrer treten sich im Stubaital noch nicht gegenseitig auf Füße und Bretter. Sie verteilen sich auf 30 Kilometer (so lang ist das Stubaital von seinem „Eingangstor“, der Europabrücke an der Brennerautobahn, bis zu den Gletschern und den 3511 Meter hohen Gipfeln am Talende) auf fünf Skiorte im Tal und eine Gletscherregion mit insgesamt 23 Liften und 7000 „winterfesten“ Betten.

Dort, wo die Berge noch niedriger sind, in Schönberg und Mieders, sind auch die Lifte und Abfahrten von bescheidenem Ausmaß. Dafür können Skifahrer am Gullenlift in Schönberg Tag und Nacht (beleuchtete Piste) üben. Und in Mieders sind Mittelklasseläufer nicht nur mit einer 3,5 Kilometer langen Familienabfahrt gut versorgt, sondern auch mit Möglichkeiten zum Ausgleichssport: Wer gern skiwandert, begibt sich auf die Loipe, und wer lieber Schlitten fährt, kann sich auf einer Rodelbahn amüsieren (wie auch noch in fünf anderen Orten des Stubaitals).