Mancher Bürger von Salt Lake City (Hauptstadt des US-Staates Utah) und mancher Bewohner der Erdölstadt Calgary im Westen Kanadas mag die bläulichweiße Feuerkugel für eine fliegende Untertasse gehalten haben, die am 10. August 1972 immerhin mit einer Geschwindigkeit von 15 Kilometern in der Sekunde am Himmel über die beiden Städte zog. Doch die Aufklärung dieser gleißendem Himmelserscheinung ließ nicht lange auf sich warten. Schon am Tag darauf stand in der Zeitung zu lesen, daß der Bote aus dem All ein Meteor gewesen war.

Erstaunlich lange jedoch hat es gedauert, bis Einzelheiten über diesen feurigen Brocken bekannt wurden. Meteore sind keine besonders seltenen Erscheinungen, aber dieser war doch recht beachtlich. Denn um Haaresbreite sind die Leute im Westen des nordamerikanischen Kontinents einem Einschlag dieses Steins entkommen. Und dieser hätte sich mitten in einer der beiden Großstädte ereignen können. Zwar war der Meteor sicher nicht viel größer als eine Kugel mit vier Meter Durchmesser, doch als Meteorit (so heißt ein Meteor, wenn er die Erde getroffen hat) hätte er einen Krater von 200 bis 300 Metern Durchmesser geschlagen. Die kinetische Energie, die bei diesem Ereignis frei geworden wäre, hätte der einer Atombombe vom Hiroshima-Typ entsprochen.

Die „Haaresbreite“ darf man freilich nicht wörtlich nehmen, vielmehr ist es eine astronomische solche, genau 58 Kilometer breit. Bis auf diese Entfernung nämlich hatte sich der Meteor der Erde genähert, ehe er – glücklicher physikalischer Umstände wegen, deren Zusammentreffen nur eine Wahrscheinlichkeit von einem Fünfhundertstel hat – von der Erdatmosphäre abprallte und von dannen flog.

Das Besondere an dem Meteor vom Sommer 1972 ist aber nicht so sehr die Gefahr seines Einschlags gewesen – wenngleich dies bei einem Brocken dieser Größe auf der Erde nur etwa alle zehn bis zwanzig Jahre einmal vorkommt –, sondern die Tatsache, daß er von einem künstlichen Erdsatelliten aus beobachtet und vermessen wurde. Einzelheiten darüber teilt Dr. R. D. Rawcliffe in der englischen Wissenschaftszeitschrift „Nature“ (15. Februar) mit. Den Resultaten der mit Infrarot-Detektoren an Bord des Kunstmcndes ausgeführten Beobachtungen waren die Masse (eine Milliarde Gramm), Energie, Flugbahn und -geschwindigkeit zu entnehmen, die den Bürgern von Salt Lake City und Calgary jetzt klarmachen, in welcher Gefahr sie geschwebt haben.

Warum dies alles erst jetzt bekannt wurde, läßt sich nur vermuten: Die eigentliche Aufgabe des Erdsatelliten, der die Meßergebnisse vermittelt hat, ist es nicht etwa, Meteore zu beobachten, sondern militärische Flugobjekte aufzuspüren und zu identifizieren. Wahrscheinlich hat es deshalb Doktor Rawcliffe nicht leicht gehabt, vom Pentagon eine Genehmigung für seine Veröffentlichung zu erhalten. -ow