Von Wolfram Siebeck

Mit Bewunderung und auch ein wenig Neid haben wir jetzt erfahren, daß der Spitzenreiter unter den eingetragenen Verkehrssündern in Flensburg 45 Punkte hat. Man kann sich den Stolz und den Jubel im Hause von Deutschlands erstem Verkehrssünder leicht ausmalen. Wie aber ist es bei den anderen, den Zweit- und Drittplazierten, deren Hoffnungen nun begraben sind? Wieviel Enttäuschung kann einer ertragen, der jahrelang darauf hingearbeitet hat, den ersten Platz zu erringen? Wie hat so einer geschuftet, Kurven geschnitten und ist gerast! Er hat sie nicht gekannt, die Kilometer der Muße, auf denen unsereiner achtlos an jedem Verkehrspolizisten vorbeifährt, weil wir wissen, wir fahren richtig: nicht zu schnell und nicht zu langsam, wir halten uns rechts, haben nicht falsch geparkt und überholen nicht, wo’s verboten ist.

Ein Beispiel dafür ist Freddy H. aus Bietigheim. Der war ein Stoppstraßenspezialist, § 41 II StVO Nr. lb: Wenn Freddy ein Stoppschild vor sich sah, ging bei ihm automatisch der Gasfuß nach unten, und es dauerte nur Sekunden, bis um ihn herum die Bremsen der Vorfahrtberechtigten quietschten. So kam er auf 40 Punkte.

Der Freddy war Schwergewichtler, das heißt, er fuhr Lkw, und als er seinen 40. Punkt gerade kassiert hatte, da stellte sich heraus, daß er eine Million Kilometer unfallfrei gefahren hatte. Er kriegte die Christopherus-Medaille, und das kostete ihn automatisch vier Strafpunkte! "Ich will nicht! Ich will nicht!" hat er immer wieder gebrüllt, als ihm zwei Offizielle vom Automobilclub die Urkunde überreichten. Und die Tränen sind ihm gekommen, als sie davon redeten, was für ein zuverlässiger Fahrer er doch sei. Dann hat er sich in seinen Siebentonner gesetzt, der hatte gerade Würfelzucker geladen, und ihn bei Rastatt von der Murgbrücke geschmissen. Er ist vorher abgesprungen; aber es hat ihn seinen Job gekostet. Der Zucker löste sich übrigens im Flußwasser auf, und in den anliegenden Gasthäusern haben sie wochenlang die Forellen als Nachtisch serviert. Mit Freddys Traum vom Spitzenreiter war es natürlich vorbei.

Ähnlich erging es dem Andreas L. aus Essen. Dem war der erste Platz so gut wie sicher, da passierte ihm die Geschichte mit der Lehrerin. Als er eines Tages durch die Innenstadt fährt und nach einem Halteverbot Ausschau hält, sieht er am Straßenrand die alte Deutschlehrerin seines Sohnes auf eine Gelegenheit warten, lebend über die Straße zu kommen. Und weil der Faulpelz von Sohn eine Fünf in Deutsch zu erwarten hat, vergißt Andreas L. alles, was für ihn auf dem Spiel steht. Er hält an, springt raus und hilft der alten Schachtel über die Straße, wobei er überflüssigerweise auch noch die anderen Fahrer zur Rücksicht mahnt. Na, es kam, wie es kommen mußte: Die Essener Zeitungen feierten ihn als Kavalier am Steuer, und das war’s. Fünf Punkte minus. Sein Sohn ist übrigens trotzdem sitzengeblieben.

Deshalb sollten wir also nicht nur bewundernd auf den Flensburger Spitzenreiter blicken, sondern auch der vielen anderen gedenken, die sich jahrelang die größte Mühe gaben, es zu werden, und dann doch scheiterten. Ihnen gilt unser Mitgefühl und unser Beifall. Daß mit dem neuen Tempolimit ihre Chancen wieder etwas besser werden, macht uns diese unmenschliche Maßnahme sogar halbwegs erträglich.