Von Werner Klose

Bleibt uns Hitler nicht erspart? fragte Karl-Heinz Janßen am 20. Juli 1973 in einem Leitartikel der ZEIT. Damals hoffte er noch, daß es nicht bloß „mit Geschäften und Profitmaximierung“ zu tun habe, wenn sich „zwei Zeitschriften mit Millionenauflagen“ durch Vorabdrucke aus Werner Masers und Joachim C. Fests Hitler-Büchern die Leser abzujagen suchten.

Inzwischen ließ der Medienmarkt die Maske fallen, und mir fehlt eigentlich nur noch der Hitler, der Weihnachten 1938 unter meinen Spielsachen stand: aus farbigem Plastikmaterial, den rechten Arm beweglich an einer Drahtachse montiert, so daß er ihn zum „Deutschen Gruß“ erheben konnte. Was man mit Mainzelmännchen, Wumm und Schweinchen Dick machen kann, sollte doch im Buch- und Zeitschriftenhandel auch mit Goebbels, Streicher, Göring, Himmler, Röhm und Keitel möglich sein.

Als Gartenzwerge und geschnitzte Pfeifenköpfe sind sie wenigstens im Ausland für skurrile Sammler schon verfügbar. Und seit einigen Tagen darf das braune Krümelmonster auch singen. Im „Musiktheater“. Zunächst nur in Gelsenkirchen. Aber wenn man sich die Spielpläne außerhalb Gelsenkirchens ansieht, wird der Adolf aus dem Waldviertel als „Miniatur-Rienzi“ in deutschen Landen weitersingen; R. Beuth fürchtete es in den „Kieler Nachrichten“ vom 1. März.

Nur zwei Tage vorher erfuhr der Fernseher aus dem Magazin „Aspekte“, daß der Markt am 4. März 1974 mit Hitler zuschlagen wird wie nie zuvor. Als ich am nächsten Morgen, von dieser Information aufgeschreckt, durch die Buchhandlungen streunte, waren dort die Werbemittel für den neuesten NS-Medien-Boom schon vergriffen. Eine Buchhändlerin hatte sich zufällig einen Schüler gemerkt, der eine „unverkäufliche Werbeplatte“ mitgenommen hatte, und der Junge lieh mir seine Beute aus.

Gemacht wird das Ganze als „Sammel-Dokumentation“ vom Verlag John Jahr; die Objektleitung hat Hans-Peter Dietze. Der neue Medienverbund heißt Partwork. Im Text verweisen Zeichen auf Schallplatten: „Ekstase und Begeisterung, Fanatismus und Hetze bleiben blaß in der Definition, erregend dagegen in der Unmittelbarkeit des Tons.“ So der Werbetexter.

„Erregend“ in der Unmittelbarkeit des Tons ist auch die kleine Werbeplatte gemacht. Da erregt sich nicht nur Hitler, sondern auch der Werbesprechen, dessen Diktion sich von fanatischen Parteibrüllern und PK-Berichtern an Lautstärke und Markigkeit nicht unterscheidet. Schon der Zusammenschnitt dieser Werbeplatte läßt nichts aus: Siegesfanfaren, Kampflieder, Führerworte, die Geräuschkulisse der akustischen Massenhysterie, Alarmsirenen, Motorengedröhn, der letzte Wehrmachtsbericht, dann getragen feierlich das Deutschlandlied.