Von Michael Naumann

Vassilikos der Grieche stützt seinen massigen Körper am Bartresen des Hotels Truchet ab. Durch ein offenes Fenster kann er auf die Hauptstraße von Antsirabe blicken. Die Sonne steht steil über Madagaskar und die Schatten draußen sind kurz. Das Hotel gehört dem Griechen. Gelangweilt beobachtet er hinter seiner schweren Sonnenbrille einen europäischen Gast vor dem Eingang.

Von fünf madegassischen Rikscha-Fahrern umstellt, entscheidet sich dieser Weithergereiste für einen starken, jungen Mann, dem „the white man’s burden“, so hofft er, weniger Mühsal bereiten wird als den übrigen, ausgemergelten Kulis.

Einen zwölfstündigen Alitalia-Flug von Deutschland und der Hoffnung auf mehr Lebensqualität entfernt, versucht der Europäer, sich selbst günstig auf dem Gefährt zu verteilen; er macht sich leicht. Seine gepflegten Schuhe plaziert er auf der Traverse zwischen den Deichseln. Von einem Menschen gezogen, fährt der Mensch ab, entfernt sich aus Vassilikos’ Perspektive, gleitet dahin unter biedermeierlichen, veilchenblauen Jacaranda-Bäumen, durchkreuzt den Wohlgeruch einer rotblühenden Bougainvillea, schnuppert: schon vorbei. Da begegnet ihm auf der anderen Straßenseite ein weiterer Rikscha-Kunde, eine Inderin, die ihre elegante Arroganz vielleicht zum Truchet transportieren läßt. Hat er genickt, gegrüßt, der Gezogene?

Der Europäer, erstmals südlich des Äquators, nie zuvor auf Madagaskar (noch jemals in einer Rikscha) denkt an – Mao. Fuhr der irgendwo, irgendwann Rikscha? Wie bewegte er sich in jungen Jahren fort? Immer nur zu Fuß?

„Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ – wird er gezogen wie ein Mandarin? Jappst der Mann vor ihm? Bluten seine Füße? Fliegt sein Puls? Perlen die Schweißtropfen? Verdammt er sein schwarzes Schicksal, in Antsirabes dünner Höhenluft, unterm Wendekreis des Steinbocks mit eilenden Schritten Vazaha, den Weißen, zum Markt zu karriolen?

Da ist er angekommen, hält an, stemmt sich gegen das Gewicht des Passagiers, steht, dreht sich um, flucht nicht, erwartet hundert madegassische Francs, das sind 1,15 Mark; er ist sein eigener Schaffner, er atmet auch nicht heftig, sondern lächelt, scheint glücklich, ist extra schnell gelaufen, und der Europäer beruhigt sich, indem er an den dicken Vassilikos denkt, der wohl schwerer zu ziehen wäre. Er selbst, gottlob ein Leichtgewicht, verläßt seinen Fahrer, bedankt sich noch mit einem großartigen Trinkgeld, deckt so sein Gewissen zu. Es hat unter einem rotbraunen, madegassischen Geldlappen, Export verboten, offensichtlich Platz.