Der Patient klagt über Appetitverlust, Schlafstörungen und vermindertes sexuelles Verlangen, er macht einen hilflosen Eindruck, hat Angst vor der Zukunft und die Hoffnung aufgegeben, daß sich seine Gemütslage jemals bessert. Da klare organische Krankheitssymptome fehlen, ist die Diagnose für den Mediziner verhältnismäßig eindeutig: Der Patient leidet unter schweren Depressionen.

Zur Linderung des Leidens bieten sich an: ambulante Behandlung beim Psychotherapeuten oder – je nach Schweregrad der Krankheit – Einlieferung in eine psychiatrische Klinik. In beiden Fällen ergänzen die Mediziner ihre Therapie gewöhnlich durch Medikamente, von denen die Pharmaindustrie eine Vielzahl parat hat – auch solche, die erstmals erprobt werden.

Zwar ist unbestritten, daß mit der Kombinationsbehandlung vielen Schwerdepressiven (in der Bundesrepublik leiden etwa vier Millionen Menschen an der Krankheit) geholfen wurde, auch wenn das Leiden häufig nur kaschiert und nicht geheilt wird. Sicher ist andererseits, daß die Ursachen weitgehend unbekannt sind und daher oft die Auslöser, die einen Menschen in die traurige Stimmungslage versetzen, fälschlich als Ursache der Krankheit bezeichnet werden.

Der amerikanische Psychiater Dr. William T. McKinney vom University of Wisconsin-Madison Center for Health Sciences hat nun in einem vierjährigen Reihenversuch mit Affen etwas Licht in das Ursachendunkel der Depressionen bringen können. Psychiater McKinney hatte zwei Gruppen von Rhesus-Affen künstlich in depressive Stimmung versetzt. Bei der einen Versuchsgruppe hatte der Forscher die Depression mit bestimmten Medikamenten, bei der Vergleichsgruppe durch Isolation hervorgerufen. McKinney nahm die Affen der zweiten Gruppe aus ihrer Umwelt und sperrte sie in Einzelkäfige.

Bei beiden Gruppen diagnostizierte der US-Forscher ähnliche Depressionssymptome und folgerte, daß für den Ausbruch des Leidens sowohl bestimmten sozialen Faktoren (Einsamkeit – wie bei der Versuchsanordnung im Affenversuch etwa – oder vielfältige Streßsituationen beim Menschen), aber auch biologisch-chemische Veränderungen (die durch Medikamente hervorgerufen werden können) Schlüsselrollen zuerkannt werden müssen. Hinzu kommt – und McKinney pflicht dieser seit Jahren favorisierten Wissenschaftlermeinung unumwunden bei –, daß genetische Faktoren jeden einzelnen unterschiedlich für die/Entwicklung depressiver Stimmungslagen anfällig machen.

Einen Beweis für seine endokrine Depressionsthese fand der amerikanische Wissenschaftler im Gehirn der Versuchstiere. Bei einigen hatten offenbar niedrige Mengen bestimmter Hormone die Depressionen hervorgerufen. Bei anderen Tieren wiederum diagnostizierte McKinney, daß die schwere Depression, in der sich die Tiere befanden, das hormonale Absinken unter den Normalwert verursachte. „Es ist wie mit dem Huhn und dem Ei“, gestand McKinney ratlos. Da der genaue Mechanismus der Hormonminderung noch nicht geklärt ist, sei derzeit schwerlich zu entscheiden, erläuterte der Psychiater, „was zuerst dagewesen sei, die Depression oder der niedrige Hormonstand.“

Gleichviel: Nach Ansicht des amerikanischen Depressionsforschers hätten die vierjährigem Tierversuche klar gezeigt, daß die Produktion der Hormone im Gehirn den Beginn, die Intensität und den Verlauf der krankhaften Mutlosigkeit und Antriebsarmut entscheidend bestimmen.