ARD und ZDF, Sonntag, 3. März 1974; Berichte von der Hamburger Bürgerschaftswahl

Am Sonntagabend, von halb acht bis Viertel vor zehn, wurde in beiden Programmen absurdes Theater gespielt. Ein Stück in der Manier von Ionesco und Handke. Der Titel: Hamburger Bürgerschaftswahl. Das Personal: Reporter, die zwei Stunden lang die gleichen Fragen stellten, und Politiker, die zwei Stunden lang die gleichen Antworten gaben.

In der Hauptrolle: Herr Erik Blumenfeld, dessen Überspringen aller Gesetze der Logik (Angebot an die siegreiche FDP: Überdenkt euer Wahlversprechen noch einmal; seid versichert, daß es schöner ist, an der Seite der CDU zu verlieren als im Bund mit der SPD zu gewinr.en) ebenso dem Geist des absurden Theaters entsprach wie der von ihm geprägte Satz Parteiführer können sich nicht in Parteihäuser zurückverwandeln. Eine Sentenz, die Handke Hochachtung abnötigen wird und nicht einmal von jenem Reporter-Diktum erreicht wurde, das da besagte, es gäbe Ziele, die sich mit den Zielen der SPD diametral nicht deckten.

Von halb acht bis Viertel vor zehn wurde den gleichen Leuten die gleiche Frage gestellt: Meinen Sie, daß bei dieser Wahl eher landes- oder bundespolitische Aspekte eine Rolle gespielt habenf (Pardon, das ist nicht exakt: Die FDP wechselte einmal aus, Genscher statt Kirst, die CDU sogar zweimal und brachte für Reddemann Kohl und Stoltenberg ins Spiel. Die SPD hingegen hielt ihren Ionesco-Part durch: um halb acht Holger Börner, das Ergebnis könnte besser sein, aber die sozial-liberale Koalition wurde vom Wähler eindrucksvoll bestätigt, und um Viertel vor zehn, den gleichen Satz intonierend, immer noch Börner.) Lähmung breitete sich aus; die Interviewer hatten sich in Sprechautomaten verwandelt; Genscher, nach dem linken Programm seiner hanseatischen Genossen befragt, konnte ausweichen, wie’s ihm gefiel; er wurde nicht gestellt.

Zwei Stunden Theater und drei Minuten politische Information! Es muß so gegen Viertel vor neun gewesen sein, als der Betrachter am Bildschirm aus seinen Theaterträumen plötzlich erwachte – als im ARD-Programm Worte wie „Nulltarif“, „Absage an die Bundeswehrhochschule“ und „Kampf gegen den Radikalen-Erlaß“ fielen. Das Programm einer an Stimmen gewinnenden, links der SPD angesiedelten Partei! Das Programm der FDP aus Hamburg, ein Manifest, das, wie das Wahlergebnis beweist, offenbar gerade in Arbeiterbezirken nicht ohne Widerhall blieb.

„Könnte es nicht sein, verehrter Herr Börner, daß Ihre Partei, entgegen landläufiger Meinung, die Wahl auch deshalb verlor, weil sie sich zu weit rechts angesiedelt hat, im CDU-Bereich, so daß diejenigen, die anno ’72 den Klassenkampf von oben‘ (wie Heinz Kühn ihn nannte) zum Debakel machten, ihr nicht mehr vertrauen?“ Diese Frage wurde, wie so viele andere, am Sonntagabend nicht gestellt – im ZDF nichteinmal andeutungsweise. Man spielte absurdes Theater, argumentierte formal und ließ Politik – Politik sein. Momos