In einer Grenzstadt von Arizona begegnen einander ein amerikanischer Ethnologiestudent, der Heilkräuter und ihre Zauberwirkung untersucht, und ein alter Yaqui-Indianer, der nicht nur die Heilpflanzen kennt, sondern auch im Besitz tiefer Weisheiten über die Welt ist. Bald merkt der Student, daß die Weltkenntnisse seines greisen Freundes auf dem 4000 Jahre alten Wissen der amerikanischen Ureinwohner und ihrer Kulturen beruht. Er bittet deshalb den Yaqui, ihn in das geheimnisvolle Wissen einzuweihen. Der Alte, der sich vornehm Don Juan titulieren läßt, willigt ein.

Zunächst nehmen sie psychotrope Pflanzen zu sich, damit sich – wie der Don es formuliert –, ihre „Augen öffnen“ können. Sie kauen gemeinsam den Peyote-Kaktus, der große Mengen. Meskalin enthält, essen den atropinhaltigen Stechapfel und ziehen zusammen an der Pfeife, die mit getrockneten Psylocebe-Pilzen gestopft ist. Die Halluzinationen behandeln sie nicht, „als ob“ sie wirklich seien, sondern – wie der Meister es gebietet – als wirklich. So erkennt der Don in einer Krähe einen Verbündeten, in einem den Weg kreuzenden Hund seinen persönlichen Feind. Auch der ungeübte Student erhält Zeichen und Signale aus der „anderen Welt“.

Nach fünf Jahren erfolgreicher, aber qualvoller Lehrzeit bricht Castaneda seinen Versuch ab. Er fürchtet, dem Zauber seines Lehrmeisters zu erliegen und nicht mehr Unbeschadet in seine Welt zurückkehren zu können.

Castaneda vervollständigte seine Feldnotizen, ordnete sie, schrieb verbindende Passagen, fügte eine „strukturelle Analyse“ des indianischen Zauberkultes an und schuf damit einen der wenigen Bestseller, die nicht vorher programmiert sind. „Die Lehren des Juan“ wurde in den Vereinigten Staaten in über 300 000 Exemplaren verkauft.

Der unerwartete literarische Erfolg brachte den Studenten dazu, noch einmal zum Don zurückzukehren. Diesmal dauerte sein Abenteuer nur zwei Jahre. Dann hatte er genügend Material für einen weiteren Bericht zusammen, den er – mit unvermindertem Erfolg – seinem Erstling nachschickte –

Carlos Castaneda: „Eine andere Wirklichkeit – Neue Gespräche mit Don Juan“, aus dem Amerikanischen von Nils Lindquist; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1973; 281 S., 20,– DM.

Doch mit seinem Vorgänger hat dieses Buch nur noch den Titelhelden gemeinsam. Vergleichende Beobachtung und systematische Beschreibung werden hier mit ethnologischem Abenteurertum verwechselt. Was im ersten „Don Juan“ wenigstens streckenweise noch an methodischem Vorgehen und überlegener Deutung festzustellen war, wird hier verschludert und zur Story vermarktet. Da wird über den Unterschied von magischem Wissen und akademischer Intelligenz weitschweifig palavert, doch der indianische Zauberkult nur sparsam vorgeführt.