Wie schön, daß es keine Sensation geworden ist. Der Jazz-Pianist Dave Brubeck, immerhin Jahrgang 1920, reist mit seinen drei Söhnen durch Europa, gibt mit dieser Familien-Combo, mit dem Pianisten Darius, dem Posaunisten Chris und Daniel, dem Benjamin hinter den Trommeln, überall die großen Konzerte, und wie leicht hätte da das Podium zum Tummelplatz für Generationskonflikte werden, können.

Doch Antagonismen unterblieben. Aufsehenerregende Antithesen ließen sich nicht heraushören. Natürlich klingen Unterschiede auf, spielt jeder „bis own thing“, aber das gibt es bei Jazz und Rock ja auch unter Gleichaltrigen; das gibt es, seit der avanciertere Pianist kollegial schlichtere Harmonien unterlegt, weil der Tenorsaxophonbläser so schön den schwarzen Harlem-Jump kann. Freundschaftlich und vollkommen selbstverständlich nehmen sie aufeinander Rücksicht, die Brubecks, und keineswegs trübt es den Eindruck, daß das Ganze auch die Züge eines gut florierenden Familienunternehmens trägt.

Der Tournee war die Schallplatte vorangegangen: „Two Generations Of Brubeck“. Da kommt jeder zu seinem Recht. Väterchen kramt wieder seine rhythmischen Scherze aus der Kiste hervor, gefällige Neukompositionen nach altbewährtem Gusto. Da wechselt ständig der Takt; da kommt ein Ausflug auf den ländlichen Tanzboden sehr lustig ins Stolpern, weil der Siebenvierteltakt den Square Dance zu Fall bringt, aus ihm einen „Unsquare Dance macht. Die jüngere Generation darf sich die Seele in Free-Jazz-Ausbrüchen gesundrasen, aber zum Zentrum der Musik, hier wie dann später noch mehr in den Konzerten und bei öffentlichen Auftritten, werden doch die Stücke, in denen Alt und Jung die jeweils schonsame Rücksichtnahme aufgeben und einander wirklich begegnen.

Sie spielen das alte „Bitte Rondo à La Turk“, eine der wenigen Kompositionen des modernen Jazz, die auch auf dem populären Sektor ein Hit geworden sind. Das beschwingte Stück ist schwer von Geschichte. Es stammt noch aus jenen endfünfziger Jahren, als Brubeck mit seinem Jazz Goes to College all jene entzückte, die ihren Jazz gern intellektuell, anspruchsvoll und konzertreif mögen: als er durch sein Insistieren auf die paar Theoriestunden bei Milhaud und Schönberg bei den Jazz-Anhängern ohne schlechtes Gewissen eher Skepsis hervorgerufen hat.

Diese neue Gelöstheit und Gelassenheit – sie hat nun auch das Klavierspiel von Brubeck senior verwandelt. Bei einem Empfang im Deutschenglischen Club in Hamburg setzte er sich an den Flügel und spielte eine seiner neuen Kompositionen, „Three To Get Ready“ betitelt und auf den ersten Blick von der Anlage her ein älterer Hut: Zwei Takte im Drei-Viertel-Takt wechseln mit zwei Takten im Vier-Viertel, Walzer und Stomp folgen einander. Aber er spielt das keineswegs mehr so, als ob er mit diesem aparten Einfall etwas beweisen wollte. Keine klassischen Zitate mehr; nur noch der Griff in die Jazzgeschichte. Der Ragtime klingt auf, wie er das einst hinter den Paravants der Bordelle in New Orleans getan hat. Dazwischen der Sound der Rent-Partys, jener Feiern im alten Harlem, bei denen die Pianisten armen Freunden die Miete zusammenspielten; Vollmundiges also, wohl aus den Händen Erroll Garners empfangen. Und an dieser schönen Rückbesinnung auf das Ältere sind die Jungen, sind die drei Jungs schuld.

„Sie interessieren sich für Ragtime und für den ganz alten Jazz“, erzählt Dave Brubeck. „Für die Chicago-Zeit, für die ganze Swing-Ära, ja sogar noch für den frühen Bebop haben sie nichts übrig. Erst bei Charlie Mingus setzt ihre Begeisterung wieder ein.“ Wie plausibel, dies so jugendliche Hand-in-Hand des Archaischen mit dem Avancierten, diese Abkehr von der als glatt und schönrednerisch empfundenen Musik der mittleren Vergangenheit, dies Bekenntnis zu den Wurzeln und zu dem, der sie als erster mit grimmiger Genialität wieder ausgegraben hat: Zu Charles Mingus, dem großen Bassisten, Komponisten und Propheten einer neuen Selbstbesinnung des amerikanischen Schwarzen auf die Fülle des in seiner Kultur Überlieferten.

Die Familie intoniert einen Blues. Vom Fernsehen lassen sich Vater und Söhne nicht stören. Aus der Piano-Einleitung wächst eine Kollektiv-Improvisation wie aus dem Lesebuch, wie ein Lehrbeispiel für die noch ganz folkloristische Musik aus New Orleans mit ihren afrikanischen Beantwortungspraktiken. Doch dann franst das Idyll an den Rändern aus. Die Melodienbögen werden bizarrer, verlassen die Tonalität, speichern schneidenden Zorn. Kurz: Es verdichtet sich die Atmosphäre, die Charles Mingus mit Stücken wie „You Better Git It In Your Soul“ geschaffen hat. Von der Freiheit und Kraft der „Black-Power“-Bewegung getragen, verläßt die Musik die Konvention, siedelt aber gleichzeitig wieder an den afrikanischen Quellen und Wurzeln. So heimisch fühlen sich diese jungen, junggebliebenen Weißen in der Tradition der Neger, daß sie sogar spontan einen Riff aus einem Blues zitieren, den Duke Ellington schon in den dreißiger Jahren unter dem Titel „Happy Go Lucky Local aufgenommen hat, der dann als „Nighttrain“ viel populärer geworden ist und der mit seinen Evokationen vom Pfeifen der Lokomotive, vom Geratter der Räder so bewegend intelligent in diese Welt paßt.

Doch dann lachen sie schon wieder, die Brubecks, und Chris fragt das Kamerateam, was niemand in einer anderen Sprache so unvergleichlich trocken sagen kann: „Video, have you got it?“ Werner Burkhardt