Moskau sucht nach einer neuen Nahost-Strategie

Von Andreas Kohlschütter

Henry Kissinger kam wieder als erster, aber nicht mehr als einziger. Kaum hatte der amerikanische Außenminister der Sphinx den Rücken gekehrt, da hielt in derselben Kulisse der Moskauer Diplomatenchef Andrej Gromyko seinen Einzug.

Das Kairoer Protokoll legte Wert auf den Eindruck absoluter Gleichbehandlung und Gleichgewichtung der beiden Großmachtgäste: Sadat konferierte vier Stunden mit dem Amerikaner und vier Stunden mit dem Russen; nach Kairo eingeladen wurden Präsident Nixon und Parteichef Breschnjew; entgegengenommen wurde eine sowjetische Geld-Offerte für die Räumung des Suezkanals und den Wiederaufbau der Kanalstädte, zur selben Stunde aber auch mit dem angereisten Weltbankpräsidenten McNamara über massive Dollarkredite verhandelt.

Gromyko hat jetzt die Verfolgung Kissingers aufgenommen. Seine jüngste Schritthalte-Reise nach Damaskus und an den Nil, die vom Kreml anscheinend überstürzt und in letzter Minute angesetzt wurde, deutet darauf hin, daß sich Moskau wieder aktiver in Mittelost einschalten will. Seit Kossigyns Feuerwehrmission in Kairo, durch die im Oktober vergangenen Jahres der Waffenstillstand und das Ende des Yom-Kippur-Krieges eingeläutet wurde, hatten sich die Sowjets im Abseits gehalten und den im Jet herumhetzenden Kissinger gewähren lassen.

Sein Einsatz hat sich bisher gelohnt. Die amerikanische Nahostdiplomatie kam erstaunlich gut über die ersten Runden und Hürden. Einfluß und Positionen wurden wieder aufgebaut, die Washington nach dem Sechstagekrieg von 1967 verloren hatte. In Kairo residiert wieder ein US-Botschafter, und es paßt zum neuen Klima ägyptisch-amerikanischer Vertraulichkeit, daß Kissinger zum Diner im engsten Familienkreis Sadats eingeladen wurde. Selbst im bisher grimmig verschlossenen Damaskus hat sich für ihn ein Tor geöffnet. Je schneller und erfolgreicher Kissinger lief, desto weniger konnten es sich die Sowjets leisten, als Zuschauer auf dem Zaun sitzen zu bleiben.

„Sowjetische Irritation“