Von Ulli Harth

Wie steht es mit einer Gesellschaft, die es nicht wagt, sich mit dem Problem des Todes zu befassen? Wie mit einer Zeit, die Sterbende in Abstellräume von Krankenhäusern verbannt und alte Menschen mit Gleichgültigkeit erstickt? Um wieviel aufgeklärter verhalten wir uns als sogenannte „primitive Gesellschaften“, die – wie etwa die Jakuten – ihre Alten lebendig begruben und ihre Angst vor der Rache der Toten mit Ritualen zu besiegen trachteten? Ist Verdrängung der Todestangst ein adäquates Verhalten der eigenen Sterblichkeit gegenüber? Kann jemand mit der gleichen masochistischen Sparsamkeit dahinleben und das Glück von der Zukunft erhoffen, wenn er sich einmal ehrlich eingestanden hat, daß er jederzeit sterben kann, sei es durch einen Unfall oder an einer tödlichen Krankheit?

In einer Atmosphäre, da nicht mehr die Sexualität, sondern der Tod das eigentliche Tabu ist, nimmt es nicht Wunder, daß auch die Euthanasie der Berührungsangst verfällt.

Wenn man die Erfahrungen des „Dritten Reiches“ bedenkt, erscheint eine rigorose Ablehnung der Euthanasie auf den ersten Blick verständlich. Man verkennt dabei allerdings nur allzu leicht, daß die Problematik sich heute grundsätzlich verändert zeigt. Während „lebensunwert“ für die Naziverbrecher sich nur am „Nutzen“ für die Gesellschaft orientierte, also alles scheinbar „Nutzlose“ vernichtet werden sollte, darf heute dasselbe Wort „lebensunwert“ nur in bezug auf den Betroffenen selber gesehen werden, also auf die Frage, ob für ihn selbst das Leben noch irgendeinen Wert oder Sinn hat.

Doch in manchen Krankenhäusern scheint man noch immer nicht ganz verlernt zu haben, den Patienten – wenn auch auf andere Weise – als ein Objekt zu betrachten. In dem Buch von

Marianne Schmidt: „Sterben als Erlösung“; Schweizer Verlagshaus, Zürich, 1973; 335 S., 18,80 DM

wird auf erschreckend anschauliche Weise von Menschen berichtet, die nur noch mit ungeheurem Aufwand an Krankenhauspersonal und Apparaturen am Leben erhalten werden können. Die zerschundenen und entzündeten Körper und ihre zerstörten Gehirne verbindet mit der Außenwelt oft nichts mehr außen Kanülen und Schläuchen, mit denen ihnen Blut und Schleim abgepumpt und Nährflüssigkeit und Strom zugeführt werden. Darüber hinaus müssen manche noch unvorstellbare Qualen erleiden, weil schmerzstillende Mittel nicht mehr helfen und höhere Dosen von Opiaten sie in einen Schlaf schicken würden, aus dem sie nicht mehr aufwachen könnten.