Von Karl-Heinz Wocker

London, im März

Ehe man diese oder irgendeine andere englische Krise beklagt, sei folgendes rekapituliert: Auf der Insel hat es seit 1689 keine Revolution und seit 1750 keinen Bürgerkrieg gegeben. Weder die Wirtschaftskatastrophe der dreißiger Jahre noch der Machtniedergang seit 1945 haben radikale Parteien auf den Schild gehoben. Sogar die europäischen Studentenunruhen der sechziger Jahre wären in England ausgefallen, hätten nicht der Pakistani Tariq Ali und der Franzose Cohn-Bendit wenigstens Gastspiele gegeben. Und nun, mit Energiekrise, Dreitagewoche, Massenarbeitslosigkeit, horrendem Handelsdefizit und schwindenden Goldreserven – was haben die Briten gewählt? 95 Prozent aller Stimmen wurden für die im Unterhaus bereits vertretenen Parteien abgegeben, also für Konservative, Sozialisten und Liberale. Den Rest teilten sich fünf weitere Gruppen.

Das Mehrheitswahlrecht aber versagte, da die 95 Prozent nicht recht wußten, wen sie favorisieren sollten. Als Abschreckung gegen kleine Gruppen ist das Mehrheitswahlrecht nur gut, solange es eine der Parteien mit arbeitsfähiger Mandatszahl ausstattet. 301 Sitze für Labour und 296 für die Konservativen sind jedoch das, was man ein totes Rennen nennt. Nur eine Minderheitsregierung war möglich. Weder Wilson noch Heath konnten sich auf Außenseiter wie die schottischen Nationalisten oder die nordirischen Rechtsprotestanten verlassen.

Ein entscheidendes Votum gegen die britische Demokratie hat es also nicht gegeben. Aber es kann sein, daß sich das Selbstverständnis dieser Demokratie ändern muß. Die Partei, die die meisten Sitze gewann, nämlich Labour, erhielt nicht die meisten Stimmen. Jene Partei aber, die die meisten Stimmen hinzugewann, nämlich die Liberalen, wurde nach Sitzen geradezu brutal abgefertigt. Hätte das Vereinigte Königreich nach dem deutschen Wahlsystem abgestimmt, dann säßen jetzt fast 130 Liberale in Westminster. Jeremy Thorpe kann aber nur auf ganze 13 Mitstreiter blicken, wenn am kommenden Dienstag die Arbeit des Acht-Parteien-Parlaments beginnt.

Der Versuch des scheidenden Premierministers Edward Heath, sich der Unterstützung dieses liberalen Fähnleins zu versichern, war nicht nur vom Wunsch nach Rettung seiner eigenen Position motiviert. Es war auch die Anerkennung eines Unrechts, über das die beiden großen Parteien bisher beflissen geschwiegen haben. 1970 bekamen die Liberalen für 7,5 Prozent der Stimmen nicht einmal ein Prozent der Mandate. Diesmal erhielten sie für mehr als 19 Prozent der Stimmen gerade zwei Prozent der Sitze. Es gibt einen Punkt, an dem das nicht so weitergehen kann. Dieser Punkt scheint nun erreicht.

Es wurde Edward Heath um so leichter, diese Ungerechtigkeit anzuerkennen, als er selber diesmal gern die Stimmen höher veranschlagt hätte als die Sitze. Worum hat Heath gekämpft, als er am Wochenende noch nicht zurücktreten, sondern erst die Koalitionsbereitschaft der Liberalen testen wollte? Um die britische Zugehörigkeit zur Europäischen Gemeinschaft vor allem. Wenn man unterstellt, daß Konservative und Liberale diese Zugehörigkeit gleichermaßen bejahen, dann stehen in Großbritannien derzeit 18 Millionen Befürworter gegen 11,6 Millionen Gegner. Hätten nur beide Parteien zusammen wenigstens die absolute Mehrheit erreicht, dem Bündnis hätte nichts an Logik gefehlt.