Plädoyer für das eigene Risiko

Von Gerd Bucerius

Als vier Leute, Richard Tüngel, Lowis H. Lorenz, Ewald Schmidt (di Simoni) und Bucerius Ende 1945 von der britischen Besatzungsmacht die Lizenz für die Wochenzeitung DIE ZEIT bekamen, da kam das in der Tat fast einer Erlaubnis gleich, Geld zu drucken. Denn die Lizenz bedeutete: Papier, Büroräume im ausgebombten Hamburg, eine Druckerei und Mitarbeiter. Allerdings: Gedruckt wurde Reichs-Mark. Aber immerhin, Geld war es doch.

Zwar hingen alle Lizenzierten an der Leine der Besatzungsmacht, die auch einmal das Papierkontingent der ZEIT als Strafe für „unerlaubte Kritik“ von 75 000 Auflage auf 25 000 kürzte und eine Kummer ausfallen ließ. Da wir aber wußten oder wenigstens ahnten, daß weitaus nicht alle Briten solche Interventionen guthießen, konnten wir manches ungestraft riskieren.

Um die Lizenz hatte ich mich beworben, weil ich meinte, mit einer Zeitung Politik machen zu können. Vor 1933 hatten wir Politik und Zeitungen anderen überlassen – das war schiefgegangen. Diesmal meinten wir, selber Hand anlegen zu müssen. Daß man mit Zeitungen Geld verdienen – und verlieren – konnte, das ist uns wohl allen damals nicht in den Sinn gekommen. Wie wenig uns der Sinn nach Geldverdienen stand, mag folgende Geschichte zeigen.

Wir vier hatten schon die Lizenz für eine Wochenzeitung, als der für Zeitschriften zuständige englische Offizier, Major Barnetson, freudig erregt zu mir kam. Wir verstanden uns recht gut. Er hielt einige Papiere in der Hand und triumphierte: „Dr. Bucerius, we have the forms now!“ – nämlich die Lizenzformulare für eine Zeitschrift unserer Wünsche. Glücklicherweise war er nicht verärgert, sondern nur verblüfft, als ich so gar nicht interessiert war. Er redete mir zu, doch wenigstens eine Rundfunkzeitung zu beantragen – die hätte nämlich Zukunft. Aber ich hatte in meinem ganzen Leben (damals war ich 40) noch nie eine Rundfunkzeitung in der Hand gehabt; vor 1945 hatte mir ein „Volksempfänger“ für 32 Mark gehört. Das Geschäft hat dann Axel Springer gemacht mit „Hör zu“. Was wir da ausgeschlagen hatten, bemerkten wir bis zur Währungsreform gar nicht.

Danach wurde es kritisch. Die Auflage der ZEIT stieg noch eine Weile, dann kam die Konkurrenz. Die Welt entwickelte sich gut, und die FAZ der Tradition der Frankfurter Zeitung folgend, wurde eine hervorragende Zeitung. DIE ZEIT zehrte lange von dem Ruf, den sie sich wohl als einzige deutsche Zeitung in der Auseinandersetzung mit der Besatzungsmacht erworben hatte. Aber auch der beste Ruf lebt nicht in Zeit und Ewigkeit. So sank die verkaufte Auflage von ihrem Höchststand im Jahre 1950 (81 538) auf 44 027 Exemplare im Jahre 1952. Das bedeutete große Verluste.