Einige Eindrücke von den 3300 km zwischen Cuzco und Buenos Aires

Von Jörg Hänel

Claro, das meiste Herz von allen haben wir in Peru!“ röhrt Romero, der schmächtige Beifahrer im Überlandbus von Cuzco nach La Paz, und läßt Cocabeutel und Aqua-Ardiente-Buddel unter den Passagieren kreisen – aber dasselbe sagt einen Tag später der Bolivianer Carlos über sein Land – o ja, Nationalisten sind sie reichlich.

Eine Nacht und einen Tag rüttelt der Bus durch den Altiplano. Urmeerebene in knapp 4000 Meter Höhe, moosig graugrün wie mit Teppichboden bespannt oder staubig rotbraun, mit borstigen Grasbüscheln bis zum Horizont, die scharfe Schatten werfen im grellen Licht, wie auf surrealistischen Bildern. Die Lamas sind größer in diesem Licht und die grauen Steinhütten kleiner, und alles ist unwirklich nahe, präsentiertellerartig, Indiofrau in Rot und Erdbraun läuft steinschleuderschwingend über die Fläche.

In Puno am Titicacasee muß man den Stempel holen beim bolivianischen Konsul. An der peruanischen Grenze muß man stundenlang herumstehen bei drei verschiedenen Stellen mit verborgenem Sinn, aber gottlob werden Gelderklärung und Umtauschbelege nicht kontrolliert.

Dann ist der Bus über dem Kraterrand von La Paz. Tiefe Schüssel aus Lichtern in der Nacht. Bei Tag ockergelbes Hüttengewimmel, Blechdächer die steilen Hänge hinab, dazwischen Erosionsschluchten der Regengüsse, unten die Hochhäuser und Avenidas, die dem Talausgang zustreben. Oben der Indiomarkt, die Kothaufen zwischen den Hütten, in Buckelsträßchen Medizinfrauen, vertrocknete Lamafötusse in Körben – sie werden als Fruchtbarkeitsbringer unter dem Haus vergraben –, unten Highfashion auf Zehnzentimetersohlen, schwingende Bellbottom-Jeans, BMW und Mustang.

Unten im „Scaramush“ am Prado die Jeunesse d’orée, die dich fast genauso herzlich aufnimmt wie oben die Indios, nur ist man hektischer und auf Schau bedacht (wie in Düsseldorf), und am Ende zahlst du für die Biere, denn man fährt zwar Mercedes, aber hat gegenwärtig kein Geld. Dafür bekommst du gute Informationen, zum Beispiel, daß Bolivien unendlich reich ist, aber ebenso arm, 130 Sorten Holz, Früchte, Metalle, Kartoffeln, ich vergaß, wie viele Arten, aber keine Straßen, keine Fabriken, und immer die bösen Yankees, und Brasilien bereitet die Invasion vor, und mehr als 60 Prozent Analphabeten, und die Indios vergraben ihr Geld, weshalb der monetäre Kreislauf krankt, aber es verhungert keiner, denn auf dem Land kostet ein komplettes Essen 20 Pfennig (in La Paz ein gutes Steak allerdings zwei Mark), und im Dschungel, eine Stunde von La Paz, Bananen, soviel du willst, kostenlos.