Inseln sind in. Es gibt spezielle Inselveranstalter, Inselmakler und -Verkaufsagenturen, (über deren Zukunft sich angesichts des „Inselausverkaufs“ schon die „Wirtschaftswoche“ Sorgen machte), und es gibt eine Wochenzeitung, die jede Woche gleich „Zwei Wochen auf“ irgendeinem Eiland empfiehlt. Die zur Zeit populärsten Inseln möchte ich diese Woche unseren Lesern ans Herz legen: die Spratly Islands, im Chinesischen Meer, etwa 700 Kilometer südöstlich von Saigon.

Diese kleinen Eiländchen – das größte, Pattl-Island ist etwa drei Kilometer lang und 700 Meter breit – unterscheiden sich erheblich von den sonst gepriesenen Urlaubsparadiesen: keine Strände, keine Vegetation, kein Wein, keine Mädchen, keine Restaurants, keine Betten; sie bestehen aus Korallen und Felsgestein, das mit Guano und Vogelnestern bedeckt ist. Gleichwohl sind diese Inselchen Ziel einer sensationellen asiatischen Nissonostalgie geworden. Eine der Inseln, Itu Aba, ist schon von Taiwan-Chinesen besucht, eine andere von den Filipinos, die übrigen sind leer oder von Südvietnamesen belegt.

Alle beanspruchen alle Inseln für sich, dulden sich aber gegenseitig, besonders weil inzwischen Rotchina, das gerade erst die Vietnamesen von den weiter nördlich gelegenen Paracel-Islands vertrieben hat, auch von der Spratly-Inselsehnsucht befallen ist.

Jedenfalls, so ließ Peking die Insulaner wissen, seien die Spratlys (Nansha) schon immer chinesisch gewesen und würden binnen kurzem wieder heim ins Reich der Mitte geholt werden.

Diese Betrachtungsweise heizte die allgemeine Spratly-Begeisterung weiter an und löste eine Reihe von militärischen und diplomatischen Inselerklärungen aus; alle Beteiligten boten Beweise für ihre historischen Spratly-Rechte an; Südvietnam untermauerte seine Ansprüche mit Massendemonstrationen, bekundete Kriegsbereitschaft für den Fall chinesischer Eilandnahme (Saigon: „Unsere Marine und Luftwaffe ist stärker als Chinas“) und sandte 120 Soldaten auf die Inseln, wo diese freilich bald erschreckt in chinesische Augen blickten, zum Glück aber made in Taiwan.

Unterstützung erhielt Saigon unerwartet aus Moskau, wo die Prawda Südvietnam plötzlich einen „selbständigen, unabhängigen Staat“ nannte, dessen Souveränität von dem imperialistischen Peking bedroht werde. Die andere Großmacht, Amerika, hüllte sich in diplomatisches Schweigen, obwohl vermutlich auch ihr ein roter Stützpunkt so weit südlich nicht angenehm wäre. Ähnlich ratlos verhielt sich ein amerikanischer Erzfeind, der Vietkong. Nach langem Entscheidungsnotstand (hier Peking-Liebe, da Vietnam-Nationalismus) teilten die Vietkong jetzt mit, man müsse die historischen Papiere genau untersuchen.

Und da hat Saigon einen starken Beweis. Während der neuerliche Inselrun auf Mutmaßungen über mögliche Ölschätze – die Filipinos haben schon an eine Ölgesellschaft Bohrrechte verkauft – zurückzuführen ist, waren die unscheinbaren Eilande vor vielen Jahren schon wegen anderer Schätze besonders bei chinesischen Kaisern sehr beliebt. Die seltene Spratly-Vogelart produziert nämlich in ihren Nestern mit Speichel eine bestimmte leckere Substanz, die in ganz Asien nicht nur zu besonders delikaten, sondern auch gesunden (für besondere Gliederschwächen) Suppen verarbeitet wird.