Mit großen Anstrengungen möchte Delhi sich von teuren Erdölimporten unabhängig machen

Indiens Wirtschaftsplaner leiden immer noch an den Folgen des Ölschocks. Sie mußten erkennen, daß ohne ausreichende und billige Energie die industrielle und landwirtschaftliche Entwicklung des Landes nicht planmäßig vorangetrieben werden kann. Den gegenwärtigen Preis kann sich Indien jedoch auf keinen Fall leisten. Ebensowenig kann der für ein Land dieser Größe ohnehin geringe Verbrauch noch weiter gedrosselt werden. Das bedeutet nach Schätzung der Weltbank, daß Indien für Ölimporte 1974 statt der im vergangenen Jahr gezahlten 415 Millionen Dollar knapp eine Milliarde Dollar aufbringen muß. Bis 1980 wird die Ölrechnung auf 2,8 bis 3,6 Milliarden Dollar steigen.

Indien befindet sich in einer verzweifelten Lage. Von den 21 Millionen Tonnen Ölprodukten, die das Land gegenwärtig verbraucht, stammt nur ein Drittel aus einheimischer Produktion. Selbst wenn Indien seine Exporte mit allen Mitteln – selbst unter Einschränkung des einheimischen Lebensmittel Verbrauchs – steigern sollte, müßte es seine gesamten Devisen zum Kauf dieses einen Produkts aufwenden.

Rund die Hälfte des indischen Energiebedarfs wird aus Mineralöl gedeckt. Blind hatte die Regierung die Energiepolitik der westlichen Industriestaaten imitiert und den raschen Anstieg des Ölverbrauchs auch da ermutigt, wo früher einheimische Kohle verwendet wurde. In vielen Fabriken werden jetzt – oftmals nach einer kostspieligen Umstellung – die Kessel mit Öl beheizt. Kraftwerke und Hochöfen werden mit Öl betrieben, Lokomotiven mit Diesel versorgt. Mitte der sechziger Jahre sah die Regierung in dieser Umstellung den bequemsten Ausweg aus Kohle- und Transportengpässen.

Auch aus der für die Entwicklung der Landwirtschaft so wichtigen Düngemittelindustrie und der Kunststofferzeugung ist Öl nicht mehr wegzudenken. Selbst beim Verbrauch der Haushalte sind kaum noch Einsparungen möglich. Die Preise für Benzin und Petroleum zum Kochen und Beleuchten wurden schon so drastisch erhöht, daß der Verbrauch um etwa 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückging. Insgesamt hat der private Konsum ohnehin nur einen Anteil von rund 14 Prozent am Gesamtverbrauch.

Langfristig wird die Regierung versuchen, Indien auch im Energiebereich zum „Selbstversorger“ zu machen. Dies dürfte aber – sofern es überhaupt möglich ist – mehrere Jahre dauern und eine Art Überbrückungsstrategie notwendig machen, die auf einer engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Ölproduzenten basiert.

Bei Verhandlungen der indischen Regierung mit dem Generalsekretär der OPEC lehnte dieser Vorzugspreise für Indien mit der Begründung ab, die hohen Preise sollten dazu anspornen, Kohle statt Öl einzusetzen. Nur so ließe sich ein allzu rascher Verbrauch der dahinschwindenden Erdölreserven verzögern. Die einzige Lösung für Indien wird deshalb in einer drastischen Exportsteigerung in die arabischen Staaten gesehen, weil nur so die Öleinfuhrrechnung beglichen werden kann. Der indische Handelsminister hat angedeutet, daß eine spezielle Exportstrategie entwickelt werde, um den Handel mit dem Vorderen Orient vielseitiger und umfangreicher zu gestalten. Die arabischen Staaten sollen Hauptabnehmer indischer Waren werden. Fachleute in Delhi halten dies allerdings für Wunschdenken.