Von Heribert v. Koerber

Moderne Frauenärzte diagnostizieren, operieren und therapieren nach den neuesten und schonendsten Methoden, und sie können mit der Saugkürette eine Schwangerschaft bis zum dritten Monat ohne nennenswertes Risiko in weniger als zwei Minuten beenden. Aber die Grundeinstellung der meisten Frauenärzte hat sich – und daran ändert auch die in den letzten Tagen vielbeachtete Kampagne einer Berliner Ärztegruppe gegen den Paragraphen 218 nichts – im Laufe der Jahrhunderte kaum geändert: Neun von zehn Ärzten wollen weiterhin allein entscheiden, wann der Abbruch einer Schwangerschaft „Mord am ungeborenen Leben“ und wann er kein „Mord“ ist. Fast ebenso viele Frauenärzte – genau 86 Prozent lehnen jede Reform des Paragraphen 218 grundsätzlich ab. Sie befürworten nur die Indikation der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ihr Wortlaut ist nahezu mit dem Gesetzmodell identisch, das der ehemalige CDU-Bundesfamilienminister Dr. Bruno Heck und weitere 27 CDU/CSU-Abgeordnete in den Bundestag eingebracht haben. Danach soll der Abbruch nur in Ausnahmefällen straffrei sein, in denen eine schwere Gefahr für das Leben, die körperliche oder psychische Gesundheit der Schwangeren auf keine andere Weise abgewendet werden kann. Das heißt, 86 Prozent der Frauenärzte wünschen, daß der 103 Jahre alte Abtreibungsparagraph einschließlich der Ausführungsbestimmungen bestehen bleibt.

Dennoch: Diese negative Einstellung zu den seelischen Nöten der ungewollt schwangeren Frauen könnte sich ändern. Denkbar ist immerhin, daß mehr und mehr niedergelassene Frauenärzte ihren Widerstand gegen die Abtreibungsreform aufgeben.

Das größte Hindernis auf dem Wege zur Abtreibungsreform sind die Chefärzte der Universitäts- und anderen großen Frauenkliniken. Professor Dr. Volker Friedberg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Leiter der Mainzer Universitätsfrauenklinik, ließ in seiner Klinik abstimmen: „Wir Gynäkologen haben in geheimer Abstimmung die Fristenlösung abgelehnt und werden auch in Zukunft nur dann eine Schwangerschaft abbrechen, wenn eine strenge medizinische Indikation vorliegt.“ Professor Dr. Wichard Freiherr von Massenbach, Direktor der Frauenklinik der Medizinischen Akademie in Lübeck: „Meine Assistenten und ebenso auch ich als Leiter einer großen und aus öffentlichen Mitteln unterhaltenen Klinik werden durch die Fristenlösung in schwerste Gewissenskonflikte gebracht. Von einem Teil meiner Mitarbeiter ist mir bereits bekannt, daß sie trotz fortgeschrittener Ausbildung das Fach wechseln werden, um diesem Gewissenskonflikt aus dem Wege zu gehen.“

Es sieht so aus, als wollten die Klinikchefs für die Fristenlösung kein Bett und kein Personal zur Verfügung stellen, obwohl es ihnen infolge des allgemeinen Geburtenrückgangs möglich wäre. Professor Dr. Hans-Joachim Prill, Chefarzt der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung des Bad Godesberger Evangelischen Krankenhauses: „Ich lehne die Freihaltung von Betten für die Fristenlösung grundsätzlich ab.“ Professor Dr. Heinz Kirchhoff, Direktor der Universitätsfrauenklinik in Göttingen: „Wir haben keine Betten frei, weil wir jedes verfügbare Bett für die bessere medizinische Versorgung der Frauen mit Risikogeburten brauchen.“ Ähnlich äußerten sich Professor Dr. Ernst Hickl, Leiter der I. geburtshilflich-gynäkologischen Klinik an der Hamburger Frauenklinik Finkenau, Professor Dr. Karl Günther Ober, Direktor der Erlanger Universitätsfrauenklinik, und die anderen bereits erwähnten Klinikchefs.

Dieses Argument hat jedoch einen unübersehbaren Schönheitsfehler. Zur Zeit sind nämlich als Folge des Abtreibungsverbots drei bis zehn Prozent der Klinikbetten mit Frauen belegt, deren künstliche Fehlgeburten von Kurpfuschern eingeleitet wurden. Diese Betten würden frei bleiben, sobald die Kurpfuscher-Abtreibungen aufhören. Doch damit sie aufhören, muß der Paragraph 218 reformiert werden.

Durch die Untersuchungen des langjährigen Chefarztes der Städtischen Frauenklinik Bremerhaven-Lehe, Dr. Kurt W. Schultze, wissen wir, daß zwei Drittel aller Kurpfuscher-Abtreibungen in den Kliniken beendet werden müssen. Von dieser Seite gesehen, müßten alle Frauenärzte, besonders die Kliniker, für die Fristenlösung sein, damit die Kurpfuscherei endlich aufhört. Die (auch von manchen Ärzten vertretene) Meinung, die Frauenärzte seien gegen die strafrechtliche Freigabe der Abtreibung, weil ihnen dadurch ein lohnendes illegales und steuerfreies Geschäft verdorben würde, ist sicher zu einfach. Zwar mag es Frauenärzte geben, die sich mit der Kürette Millionenwerte zusammengeschabt haben. Doch die meisten Frauenärzte, ganz gewiß die Chefärzte der Frauenkliniken, sind sicherlich nicht aus geschäftlichen Gründen gegen die Fristenregelung. Sie sind es aus konservativer Tradition. Und danach bedeutet, Frauenarzt zu sein, die Frauen bis ins letzte zu bevormunden. Das gilt für die Untersuchungen und Behandlungen auf dem gynäkologischen Stuhl ebenso wie im Kreißsaal bei der Geburt.