Erstmals ein Boom in einer Zeit rückläufiger Konjunktur

Ungewöhnliches widerfuhr den Geschäftsführern der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie in Düsseldorf. Von den Repräsentanten der deutschen Hütten begehrte eine philippinische Firma, die Adresse eines noch lieferfähigen Stahlproduzenten in der Bundesrepublik zu erfahren – als Ersatz für einen Ausgefallenen japanischen Lieferanten.

Der Hilferuf von den Philippinen kennzeichnet treffender als jede Statistik die von einem überhitzten Nachfrageboom bestimmte Lage auf dem internationalen Stahlmarkt. Nicht nur Lieferengpässe japanischer Stahlkonzerne nährten die seit Jahren nicht beobachtete Hektik auf dem wetterfühligen Markt; hinzu kamen noch die Folgen der Dreitage-Woche in England, die die staatliche British Steel Corporation gegenüber ihren Kunden in arge Verlegenheit brachte.

Den deutschen Stahlkonzernen verhalf der weltweite Boom zu prallgefüllten Orderbüchern – und zu einem Novum in der Branchengeschichte: Erstmals folgte einer Abschwächung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums kein scharfer Rückgang der Stahlproduktion. Thyssen-Generaldirektor Dieter Spethmann: „Für uns ein neuer und erfreulicher Tatbestand.“

Einige heimische. Faktoren trugen zu der Divergenz von Konjunktur- und Branchentrend allerdings nicht unbedeutend bei. So haben die Konjunktur-Analysten der Konzerne festgestellt, daß – so Thyssen-Chef Spethmann – „der Lagerzyklus diesmal ausgeblieben ist“. Noch in der letzten Abschwungphase der deutschen Wirtschaft 1971 hatten die Stahlabnehmer ihre in der Boomphase aufgefüllten Lager abgebaut und damit den konjunkturellen Nachfrageeinbruch bei den Hütten noch zusätzlich verschärft. Das hohe Zinsniveau hielt die Stahl-Verarbeiter jedoch im letzten Jahr davon ab. große Summen in erhöhten Stahlvorräten zu binden, so daß sie auch jetzt nicht auf ihre Lager zurückgreifen können. So steigt trotz der Schwächeerscheinungen in der Automobil- und Bauindustrie zur Zeit der Stahlabsatz im Vergleich zum Vorjahr sogar noch geringfügig. Rundum zufrieden stimmt die Stahlbosse aber erst die sprunghafte Nachfrage aus dem Ausland. Dieter Spethmänn: „Die Vollbeschäftigung müssen wir uns im Export holen.“

Waren bei den deutschen Stahlkonzernen in der Vergangenheit Exportquoten von etwa 25 Prozent die Regel, so ist dieser Anteil in den letzten Monaten auf 40 Prozent, bei bestimmten Spezialprodukten auf noch höhere Sätze angewachsen. Es fehlt nicht an Indizien, daß die stürmische Nachfrage aus dem Ausland noch einige Zeit anhalten wird. Vor allem scheint schon jetzt sicher zu sein, daß die durch mangelhafte Erträge in der Vergangenheit, durch schwer erfüllbare Umweltschutz-Auflagen und einen eingeengten Finanzierungs-Spielraum gebremsten Investitionen nicht ausreichen werden, um den für die achtziger Jahre mit 1,2 Milliarden Tonnen geschätzten Weltstahlbedarf (heute: 700 Millionen Tonnen) zu decken.

Dank ihrer Möglichkeit, Preiserhöhungen (vor allem im Ausland) mühelos durchzusetzen, können die deutschen Stahlkonzerne nach einem Ertragseinbruch in diesem Jahr wieder an die Gewinnrekorde von 1969/70 anknüpfen. Doch durch kurzfristige Wandlungen vorsichtig geworden, wollen sich die Bosse an der Ruhr mit guten Voraussagen nicht über den Sommer hinaus festlegen, „Grundsätzlich bin ich optimistisch“, orakelte der Thyssen-Generaldirektor letzte Woche, „aber auf Überraschungen muß man gefaßt sein.“

Hans Otto Eglau