Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im März

Eigentlich hätte Präsident Pompidous Zwei-Tage-Ausflug ans Schwarze Meer etwas feierlicher ausfallen müssen. Denn vor genau fünfzig Jahren wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und der UdSSR aufgenommen, und vor zehn Jahren besiegelten Moskau und Paris ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit. Doch die französische Regierung zeigt wenig Lust zum Feiern. Wie zu de Gaulles Zeiten heißt die Devise für die Ostdiplomatie zwar détente, entente, Cooperation. Doch gerade in den letzten Monaten ließ Paris keinen Zweifel daran, daß dies Schlagworte von zweifelhaftem Wert gewesen sind.

Paris ist der Partner der "belle et bonne alliance" (de Gaulle), der sich bitten läßt. Pompidou demonstrierte Ärger mit den Sowjets, indem er sein Treffen mit Breschnjew mehrmals verschob. Die Zeiten sind lange vorbei, da Frankreich den Russen den Hof machte und sich in einer Mittlerrolle zwischen Ost und West fühlen konnte. Die Entspannungspolitik ist mittlerweile über Frankreich hinweggegangen und hat seine Bedeutung erheblich reduziert.

Charles de Gaulle hatte diese Mittlerrolle aus Überzeugung übernommen. Für ihn war die Aufteilung Europas in Blöcke ein Anachronismus und eines der großen Ärgernisse der Geschichte. Der General setzte auf "nationale Ambitionen" und tat alles, um sie überall in der Welt, ungeachtet des politischen Regimes oder der Bindung an ein Militärbündnis, zu fördern. Ideologien waren für de Gaulle nur vorübergehende Erscheinungen. So ist es kein Zufall, daß er das Wort "Sowjetunion" nur ungern in den Mund nahm und statt dessen fast immer von Rußland sprach. Und dieses Rußland gehörte selbstverständlich zum gaullistischen Europa vom Atlantik bis zum Ural.

Durch besondere Beziehungen zu Moskau versuchte Paris in den sechziger Jahren aber nicht nur, die militärischen und politischen Blöcke aufzuweichen. Es sah in dieser Politik auch die Chance, seine eigene Rolle in der Welt aufzuwerten. Die Entspannungspolitik benutzte de Gaulle, um sein Land als Großmacht präsentieren zu können. Als der General im Sommer 1966 in die Sowjetunion reiste, war das auch die offizielle Bestätigung der Bedeutung Frankreichs. Der noch im selben Jahr installierte "heiße Draht" zwischen Elysée und Kreml gab der Allianz das allen sichtbare Symbol.

Doch die Voraussetzungen dieser Sonderstellung wurden hinfällig, seit in Bonn die sozialliberale Koalition eine aktive Ostpolitik betrieb. Zwar betonte der Quai d’Orsay, das deutschrussische Abkommen habe Frankreich in keiner Weise von der UdSSR entfernt, und mit Genugtuung registrierte Paris die Moskauer Versicherung, man betrachte Frankreich nach wie vor als "privilegierten Partner". Doch die von de Gaulle aufgebaute Mittlerstellung war verloren, und mit der Annäherung der Blöcke in Europa mußte Frankreich auch seine weltpolitische Rolle neu definieren.