Die neue Formel heißt „Quermotor“. Mit ihr bringen die Engländer (beim Mini und seinen Ablegern) seit 15, die Franzosen und Italiener seit rund fünf Jahren fortschrittliches Image, generöse Innen- und kompakte Außenmaße, rationelle Technik und nicht zuletzt die notwendigen Gewinne unter einen Hut. Frontantrieb und Quermotor bieten nach heutigem Stand optimale Raumausnutzung. 80 Prozent der Gesamtlänge des Wagens bleiben für Innen- und Kofferraum nutzbar. Nur 20 Prozent beansprucht die Mechanik. Bei konventionellem Aufbau, gar bei lustvoll langer Motorhaube, können 20 Prozent mehr verlorengehen.

Wolfsburg verfügt jetzt also (mit Ingolstädter Hilfe) über den ersten Wagen in der neuen Schule: den Scirocco. Der Triebwerkblock des Passat wurde quer auf die Vorderachse gepackt, daneben sitzen Kupplung, Getriebe und Achsantrieb. Das erleichtert Reparaturen und spart teure Arbeitsstunden. Noch an anderer Stelle sammelten die Wolfsburger Punkte: bei der weichen Schaltung. Wer sagt da, Quermotor und Mittelschaltung würden nicht harmonisieren?

Der Scirocco ersetzt den Karmann Ghia. Nicht weniger als 19 Jahre lang brachte dieser sportliches Flair in die Käfer-Familie. Er war bei seinem Erscheinen 1955 formal ein Traum. Seinen Nachfolger, den heißen Wüstenwind Scirocco, apostrophierte VW-Vorstandsmitglied Horst Baxmann bei der Präsentation als herb. Dies gilt vor allem für die Seitenansicht. Die Gürtellinie hat beim Heckfenster einen unmotivierten Knick, der „Keilform“ erzeugen soll.

Von vorn sieht der Wüstenwind mit Einzel- und gleichermaßen mit Doppelscheinwerfern (TS) gut, von hinten sogar sehr gut aus. Hier kommt er mit derselben Klappe, die den neuen Capri auszeichnet. Darunter öffnet sich mit 350 Liter Volumen ein beachtliches Gepäckabteil. Weil der Tank unter der hinteren Sitzbank liegt und das Reserverad zwischen den Hinterrädern, sitzt der Kofferboden auch so tief, wie man das erwartet. Durch Umlegen der Rücksitzlehne läßt sich der Kofferraum auf 530 Liter vergrößern.

Innen bietet der Scirocco etwa dieselben Verhältnisse wie der Karmann Ghia; vorn reichlich Platz für zwei Personen, das Bänkchen hinten reicht für einen Erwachsenen oder für zwei Kinder. Dafür ist der Scirocco mit 385 cm etwa 30 cm kürzer als der alte Ghia, er ist auch kompakter als der Manta oder Capri (sieht aber nicht kleiner aus). In seiner Einrichtung ist der Scirocco der netteste VW, der je gebaut wurde. Dazu ist er mit der diagonal aufgeteilten Zweikreisbremse und dem negativen Lenkrollradius der Vorderräder sowie sorgfältig berechneten Knautschzonen auch einer der Sichersten.

Ab sofort gibt es den Scirocco als „S“ und „TS“ mit 1,5-Liter-Motoren: 70 und 85 PS. Letzterer ist mit dem Passat TS identisch; der 70 PS-Motor entspricht der Passat S-Maschine mit 75 PS, die Verdichtung wurde von 9,7 auf 8,2 reduziert. Die Anti-Blei-Vorschriften von 1976 werfen ihre Schatten voraus, zwei der künftig drei Scirocco-Modelle fahren mit Normalbenzin. Mit beiden Motoren erreicht der Scirocco Fahrwerte, die zu seinem Äußeren passen, Spitze (theoretisch) 164 und 175 km/st, Beschleunigung auf Tempo 100 in 12,4 beziehungsweise 11 Sekunden. Im Juni kommt ein ganz neuer Motor mit 1100 ccm und 50 PS hinzu (mit dem der Scirocco immer noch 144 km/st schnell ist). Dieser hat für den VW-Konzern besondere Bedeutung: es ist die kleine Maschine im kommenden „Golf-Modell“. Damit wird Wolfsburg noch in diesem Jahr den lange erwarteten „Volkswagen“ vorstellen: er ist außen nur eine Spur größer als die immer populärer werdende Kompaktklasse, und er bietet innen Mittelklasse-Raum. Er wird auf lange Sicht das wichtigste Bein für den VW-Konzern werden – ein neuer Volkswagen, in seiner Konzeption ähnlich fortschrittlich wie der Käfer vor 40 Jahren. Allerdings nicht revolutionär: andere fühlten schneller den Puls der neuen Auto-Zeit.

Nach dem Passat demonstriert der Scirocco, daß zumindest die technische Krise in Wolfsburg vorüber ist. Es gibt wieder Ideen, auf denen man aufbauen kann. Der Scirocco ist rationell angelegt, wie so schnell kein anderes Auto. Das geht von der neuen „Verbundlenker-Achse“ hinten bis zu den Rädern ohne Radkappen, vom neuen Stoßstangen-Profil bis zum Schraubdeckel für den Tank. Jetzt sollte man VW-Aktien nicht mehr verkaufen. Stefan Woltereck