Merten

Als „Politisches Nachtgebet“ hatten sie jahrelang in Köln mit provozierenden Thesen versucht, Christen aller Konfessionen gegen Mißstände aufzubringen, sie hatten den Zorn konservativer Kirchenvertreter auf sich gelenkt und waren schließlich im letzten Jahr auseinandergegangen. Jetzt fanden sie sich unter der neuen Bezeichnung „Christen für den Sozialismus“ im alten Kloster in Merten zusammen, um zu überlegen, wie sie ihre Arbeit im kirchlichen und politischen Bereich wirksamer als in der Vergangenheit wieder aufnehmen könnten.

Mehr als einhundert Glaubensgenossen waren aus Saarbrücken, Berlin, aus dem Württembergischen und aus dem Ruhrgebiet zum „Intensiv-Seminar“ nach Merten gereist: Studenten, Pfarrer, Hausfrauen, Beamte und Lehrer. Sie kamen einzeln, wie ein Pfarrer aus Norddeutschland, der sich von dem Treffen kritische Impulse für seine Gemeindearbeit versprach, oder in Gruppen, die ihre Erfahrungen zum Beispiel über Chile-Aktionen austauschen wollten.

Als „Christen für den Sozialismus“ bekräftigten sie in Merten ihr Ziel, private Frömmigkeit und politische Apathie durch ein progressives Christentum zu ersetzen, das sich nicht neutral zurückhält, sondern politisch Partei ergreift für Unterprivilegierte, um so eine freiere und gerechtere, eine, wie sie meinen, sozialistische Gesellschaft zu schaffen. Ihre Vorbilder sind noch dieselben wie die des Politischen Nachtgebets, sie stammen aus Südamerika: Bischof Helder Camara, Priester und Dichter Ernesto Cardenal und Sozialrevolutionär Camillo Torres.

Nach Merten eingeladen hatte Dorothee Sölle, als evangelische Theologin und Literaturwissenschaftlerin Kopf des ehemaligen Nachtgebets, die mit ihren unkonventionellen theologischen Auffassungen und dem Versuch, aus dem Evangelium politische Handlungsanweisungen zu lesen, starken Widerspruch in Theologie und Kirche provozierte, aber auch vor einigen Wochen mit dem Theodor-Heuss-Preis geehrt wurde.

Die Thesen Dorothee Sölles prägten auch die Diskussion in Merten: Sie möchte verhindern, daß das politische Engagement ihrer Gruppe sich nur im harten Kalkül politischer Strategien erschöpft; es müsse vielmehr gelingen, „mit unseren Wünschen, Hoffnungen und Träumen emotional in die Poltitik einzudringen“.

Haben sie auch ein politisches Ziel, den „visionären Sozialismus“, wie es ein Teilnehmer formulierte, so wollen sie doch eine richtig verstandene christliche Tradition nicht aufgeben. Dorothee Sölle erinnerte an die „Verheißung des Alten Testaments, die die Befreiung des Menschen aus wirtschaftlicher Versklavung“ überliefere. Politische Aktivität ohne Hoffen und Glauben bedeute religiöse und emotionale Verstümmelung.