Von Marion Gräfin Dönhoff

Präsident Nixon hat einen enttäuschten Brief an Bundeskanzler Brandt geschrieben, das State Department sagte kurzfristig die Reise seiner beiden Europaexperten Sonnenfeld und Hartmann nach Bonn ab, und Henry Kissinger läßt seinem Unmut freien Lauf. Zwei Tage hatte Friede geherrscht, am dritten ist der Ärger erneut ausgebrochen.

Am Sonntag, dem 3. März, war der amerikanische Außenminister in Bonn, wo sein deutscher Kollege Walter Scheel als Präsident des europäischen Ministerrats ihn über die Absichten der EG den Arabern gegenüber unterrichtete. An jenem Abend versicherten die beiden Kollegen einander und dem Fernsehpublikum, daß, gottlob, alle Unstimmigkeiten ausgeräumt seien – dabei wirkten beide sehr überzeugend. Auch der Bundeskanzler betonte, daß die während des Nahostkrieges aufgetretenen Mißverständnisse ausgeräumt seien: "Wir sind jetzt sehr nahe beieinander, was diese Fragen angeht." Und der US-Außenminister replizierte, bei der Erörterung der bilateralen Gespräche sei es schwierig gewesen, überhaupt Probleme zu finden.

Am nächsten Tag in Brüssel stellten die Probleme sich dann ganz von selber ein. Wie dies kam und wer daran schuld ist, hat sich bisher nicht recht ermitteln lassen. Einstweilen spricht die allgemeine Vermutung dafür, daß Walter Scheel, der sein Renommee, alle Komplikationen überwinden zu können, offenbar nicht mehr aufs Spiel setzen will, das Bedürfnis Kissingers nach Präzision unterschätzt hat.

Kissinger hatte offenbar keine Ahnung, wie detailliert die Pläne der Europäer bereits sind. Er sei unzulänglich informiert, überhaupt nicht konsultiert worden und habe nun zum erstenmal erfahren, daß die EG einen Drei-Phasen-Dialog mit den Arabern über wirtschaftliche, technische und kulturelle Abkommen beschlossen hat: 1. Unterrichtung der Araber durch Scheel, 2. Bildung gemischter Expertengruppen, 3. zu gegebener Zeit eine europäisch-arabische Außenministerkonferenz.

Es gibt verschiedene Gründe für Kissingers Mißbilligung und Ärger. Er meint, das europäische Angebot an die Araber mache seine Bemühungen zunichte, eine gemeinsame Position der Industriestaaten – Amerika, Europa, Japan – zustandezubringen. Ferner erschwere diese sehr weitgehende Offerte seine Versuche, die Araber an den Verhandlungstisch mit Israel zu bringen, und schließlich hat er es sehr übel genommen, daß – wie die Neue Zürcher Zeitung aus Washington meldet – "die Europäer ausgerechnet den Zeitpunkt seiner Ankunft in Brüssel zur Bekanntgabe ihrer Vorschläge wählten, daß aber seine offizielle Orientierung bis nach seiner Pressekonferenz und nach seinem Referat vor dem Ministerrat der Nato hinausgezögert wurde".

Ganz Washington empfindet überdies als Verrat – oder mindestens als Mangel an Solidarität –, daß die Europäer mit den Arabern großzügige Verträge zu schließen beabsichtigen, während diese den Amerikanern noch durch ein ölembargo größte Schwierigkeiten bereiten.