Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt hat am Dienstag vor der Fraktion seiner Partei im Bundestag mehr Disziplin und Geschlossenheit in den eigenen Reihen gefordert und sich kritisch mit der Diskussion um seine angeblich notwendige „Entlastung“ auseinandergesetzt.

Wer nach kraftvollem Handeln rufe, dürfe es durch sein eigenes Verhalten nicht unmöglich machen, sagte Brandt. „Auch ein gutgemeinter Rat ist, wie die Erfahrung zeigt, nicht immer hilfreich. Es bedarf keiner institutionellen Entlastung, sondern einer größeren Bereitschaft zur Einordnung“, betonte der Kanzler.

An der sozialdemokratischen Liberalität dürfe sich nichts ändern, „aber disziplinlosen Extravaganzen und der Profilierung von Gruppen auf Kosten der Partei muß energisch entgegengetreten werden“. Liberalität im Sinne geistiger Lebendigkeit werde erhalten bleiben, doch müsse darin mit Bestimmtheit zum Ausdruck kommen, „daß die SPD keine Studiengesellschaft ist, sondern den Auftrag zum politischen Handeln hat“, sagte Brandt.

Die Kritik galt einerseits dem Wissenschaftsminister Klaus von Dohnanyi, der in einem Rundfunkinterview für einen „innenpolitischen Stellvertreter“ zur Entlastung Brandts plädiert hatte. Helmut Schmidt, so hatte Dohnanyi erläutert, könnte „in der Tat dem Kanzler viel abnehmen, wenn man die Dinge etwas anders organisieren würde“. Der niedersächsische Kultusminister von Oertzen hatte dagegen empfohlen, Brandt „in der Parteiarbeit zu entlasten“. Brandt war aber auch über Finanzminister Schmidt verärgert, der in den letzten Tagen ein „großes Revirement“ befürwortet hatte.

Wissenschaftsminister Klaus von Dohnanyi hat seinen Vorschlag bedauert und die Äußerungen als „ungeschickt“ bezeichnet. Vor Journalisten betonte er am Dienstagnachmittag nach der SPD-Fraktionssitzung, er fühle sich von den Worten Brandts „ganz sicherlich betroffen“ und bedauere seine Äußerungen.

Der Minister bestritt, daß das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und dem Kanzler durch diesen Vorgang Schaden gelitten habe. Es bestehe nach wie vor. Nach seiner Einschätzung habe Brandt seine Loyalität nie in Zweifel gezogen, Auch stünde sein Rücktritt oder seine Entlassung nicht zur Diskussion.

Im SPD-Pressedienst schrieb Bundesgeschäftsführer Börner in einem mit dem Parteivorsitzenden abgestimmten Beitrag, es sei undienlich, „weiter durcheinanderzureden“.