Die Katastrophenstimmung aus den Börsensälen beginnt zu weichen. Noch ist allerdings nicht sicher, ob die Stabilisierung der Aktien- und Rentenkurse nur eine „technische Reaktion“ auf die vorangegangenen Kursverluste darstellt, oder ob sich allmählich eine zuversichtlichere Grundstimmung durchsetzt. Die Kursschwankungen deuten vorerst auf Unsicherheit in der Zukunftsbeurteilung hin. Als ziemlich sicher kann allerdings angenommen werden, daß die Bundesbank an einem weiteren Zinsauftrieb nicht interessiert ist, aber auch nicht an einer nennenswerten Zinssenkung. Für eine derartige „Konjunkturbelebung“ gibt es wegen der hohen Tarifabschlüsse keinen Anlaß. Da nun einmal zwischen Zinsbewegung und Aktientendenz ein Zusammenhang besteht, wäre es verfehlt, auf eine nachhaltige Kurserholung zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu hoffen.

Auf der anderen Seite will die Börse gewisse positive Faktoren nicht mehr länger ignorieren. Das Ölproblem wird neuerdings wesentlich nüchterner beurteilt als noch vor einigen. Wochen, die Arbeitslosenzahl hat nicht das befürchtete Ausmaß angenommen, und die positiven Berichte von Bayer und Thyssen zeigen deutlich, daß es in der Wirtschaft – von einigen notleidenden Zweigen abgesehen – keineswegs so schlecht aussieht, wie es der Verfall der Börsenkurse vermuten läßt. Natürlich würde man zuversichtlicher in die Zukunft sehen, wenn es nicht die Vermögensbildungspläne der Bundesregierung gäbe, die – träten sie in Kraft – bei Thyssen beispielsweise eine Dividendenhalbierung zur Folge haben müßten.

Auf die bevorstehenden Dividendensenkungen, der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank und der Bayerischen Vereinsbank haben die Kurse der Bankaktien nur vorübergehend reagiert. Schon bald kam es bei ihnen wieder zu einer kräftigen Kurserholung, obwohl es im Kreditgewerbe keine Anzeichen für eine Ertragsbesserung gibt. Deshalb ist die Gefahr, daß für 1974 auch andere. Institute ihre Ausschüttung zurücknehmen müssen, nicht von der Hand zu weisen, K. W.