Von Karl-Heinz Wocker

London, im März

Wer Urlaub in Wales macht und an einem Sommersonntagsmorgen zu unbritisch früher Wanderszeit eines der Aussichtsplateaus erklimmt, der kann dort einen Trupp treffen, dessen Mittelpunkt ein weißmähniger Mann mit Stock und Hund ist. Der Abgeordnete Michael Foot macht gern Ausflüge mit Anhängern aus seinem Wahlkreis, als Teil der Wochenendpflichten, die zu Direktwahl und Mehrheitswahlrecht gehören wie die Kohlenschlote zu Wales.

Wer aber Urlaub in London macht und zu noch früherer Winterszeit durch die Hampstead Heath geht, der trifft Mann und Stock und Hund wieder diesmal allerdings ohne Anhang. Michael Foot vertritt Ebbw Vale, lebt aber in der Hauptstadt. Wahlkreis und Wohnort bezeichnen die beiden Pole seiner Entwicklung. Foot war immer ein Flügelmann der großen Labour-Bewegung, aber auch stets ein Einzelgänger. Zum „Arbeiterführer“ ist er freilich zu intellektuell, zum Rebellen dagegen zu loyal.

Der sechzigjährige Foot kennt Marx (der vor ihm durch die Hampstead Heath wanderte), aber er liebt Swift. Er ist als Redner faszinierend, als Debattenteilnehmer kaustisch, aber als Minister unerprobt. Ihm ist nun die zentrale Rolle im dritten Kabinett Wilson zugefallen: die des Arbeitsministers. Foot muß die Gewerkschaften davon überzeugen, daß freiwillige Zurückhaltung unter Labour eine bessere Lohnpolitik ist als staatliche Vorschrift unter den Tories.

Foot hat Freunde bei den Trade Unions; deren Mächtigster ist Jack Jones, der Transportarbeiterführer. Jeder fünfte Gewerkschaftler zählt zu seinen Mitgliedern. Solange Jones die neue Politik unterstützt, den neuen „Sozialkontrakt“, von dem Wilson und Foot sprechen, so lange kann die Rechnung aufgehen. Der Regierungsteil der Absprache besteht in Rentenerhöhungen, Lebensmittelsubventionen, Preiskontrollen, fixierten Mieten und einer stärkeren Besteuerung der Vermögenden. Dafür sollen die Gewerkschaften einem „vernünftigen Lohn Wachstum“ durch freiwillige Beschränkung zustimmen. Das ist schon eine seltsame Frontenverkehrung: Die Marktwirtschafts-Tories sind heute für Staatsdirigismus, die Sozialisten überlassen zunächst alles der Vernunft der Teilnehmer am Spiel der Kräfte.

Die Opposition wird von allen Ministern zwei aufs Korn nehmen: Foot und Callaghan, den neuen Außenminister. Das Regierungsprogramm läßt offen, wie denn die „grundlegenden Neuverhandlungen“ in Brüssel, von denen es spricht, vor sich gehen sollen. Daran hat Oppositionsführer Heath den stärksten Anstoß genommen. Er verlangt Klärungen, doch war dem Ton seiner Rede deutlich zu entnehmen, daß er nicht daran denkt, gleich am Montag der nächsten Woche, wenn die erste Abstimmung möglich ist, den Sturz der Regierung zu erzwingen.