Ich freue mich über alle, die Menschen zu Gott führen“, sagte Konrad Adenauer im Sommer 1963, während er Billy Graham zur Tür begleitete, der ihm gerade von seinen „Kreuzzügen“ berichtet hatte, „aber nehmen Sie mir bitte eine Bemerkung nicht übel: wenn ich sehe, wie sicher Sie im Glauben sind, bin ich froh, daß ich katholisch bin. Wissen Sie, als Katholik muß man nicht so sicher sein; da genügt es, wenn man den aufrichtigen Wunsch hat, glauben zu können. Glauben ist eine Gnade, die man nicht erzwingen kann.“

Dieses Zeugnis der Religiosität des so ganz und gar nicht klerikalen Adenauer wird manch einen überraschen. Es ist nicht die einzige Überraschung in dem Buch von

Horst Osterheld: „Konrad Adenauer. Ein Charakterbild“; Eichholz Verlag, Bonn 1973; 136 S., 19,80 DM.

Mit Recht rühmt Osterhelds prominentester Leser, Henry Kissinger, sein Buch in den höchsten Tönen. Der Verfasser, früher Ministerialdirektor im Bundeskanzleramt, von 1960 bis 1963 dort Leiter des außenpolitischen Büros, hat seinen Chef bei aller Verehrung offensichtlich scharf beobachtet. Seit der Studie Anneliese Poppingas, die zu jener Zeit Adenauers Sekretärin war, hat es aus dem Umkreis des ersten Bundeskanzlers nichts Aufschlußreicheres für seine Persönlichkeit gegeben.

Osterheld ging es, wie schon der Titel sagt, um ein Porträt, nicht um Erinnerungen, nicht um biographische oder monographische Beschreibungen miterlebter Vorgänge. Adenauers Wesen, seine innere Struktur („etwas Katzen-, etwas Pantherartiges; er behielt Menschen und Entwicklungen unverwandt im Auge, scheinbar nervenlos“), nicht die Kämpfe und Leistungen jener Jahre stehen, im Blickpunkt. In zehn straffen Kapiteln werden die Hauptkennzeichen, die Charakterzüge dieses Mannes herausgearbeitet – Selbstbeherrschung, Mut, Pflichtsinn, seine Zähigkeit, die immer wache Neugier.

Von seinem Arbeitsstil ist die Rede („Langatmigkeit war dem Kanzler ein Greuel“), seinem Umgang mit Menschen, seinen Ängsten – vor den Russen („er rechnete weniger mit direktem Angriff als vielmehr mit langsamem, aber unablässigem Vordringen“), um die Deutschen („er hielt uns für ein krankes Volk; die Neigung zum Wunschdenken, zum Rauschhaften beunruhigten ihn“). Auch negative Seiten werden vorsichtig erwähnt: Adenauers Geltungstrieb („er wollte imponieren, zumal Frauen“), seine Neigung, andere zu belehren, „nicht immer in gewinnender Weise“, seine Bosheit („es reizte ihn zuweilen, Zwietracht zu säen; geringer taktischer Vorteile wegen verletzte und demütigte er“).

In einem Moment, in dem wir uns anschicken, das erste Vierteljahrhundert der Republik zu feiern, für deren äußere und innere Verankerung Konrad Adenauer mehr getan hat als jeder andere, kann dieses schmale Buch früheren Verehrern, aber auch Gegnern helfen, sich die Persönlichkeit dieses kantigen Patriarchen neu zu vergegenwärtigen. Arnulf Baring