Zu seinem Tode erst kann es deutlich ausgesprochen werden: Boleslaw Kominek, der erste polnische Kardinal von Wroclaw, dem alten Breslau, faßte schon im Herbst 1965, fünf Jahre vor dem deutsch-polnischen Vertrag, in der römischen Konzilsaula den Entschluß, den Teufelskreis von Feindschaft zu durchbrechen. Er war der Anreger und Verfasser jenes Versöhnungsbriefes, den der polnische Episkopat dem Deutschen (auch dem der DDR) sandte. Lange ehe die Regierenden in Bonn und Warschau bereit waren, wurde da eine Hand ausgestreckt. Auch Kardinal Wyszynski hielt, wie er später zugab, damals noch den Dialog mit den Deutschen für aussichtslos und setzte seine Unterschrift nur zögernd unter den Text, den Kominek – als Schlesier beider Sprachen gleich mächtig – auf deutsch verfaßt hatte.

Weder geschliffener Diplomat noch kalkulierender Kirchenfürst, hielt es Kominek einfach für seine Christen- und Hirtenpflicht, mit einem Akt der Vergebung den Deutschen zur Einsicht zu verhelfen, daß sie das Land hinter Oder und Neiße, das Hitlers Krieg verspielte, den Polen lassen müssen. Aus manglen römischen Gesprächen mit Deutschen, mit Bischöfen, Christdemokraten, aber auch zum Beispiel mit Herbert Wehner, glaubte Kominek Hoffnung schöpfen zu dürfen – zu früh.

Die deutschen Bischöfe, die nichts riskierten, antworteten nicht mit dem gleichen Mut zur Wahrheit. Kominek und Polens Episkopat zogen sich über den ungelegenen Vermittlungsversuch den Grimm der Kommunisten zu. Spät erst, zum 70. Geburtstag Ende vorigen Jahres, ehrten sie den Mann, der stets auch den inneren Frieden Polens suchte, nie die „streitende“, sondern die „dienende“ Kirche verkörperte – auch dann, wenn er gelegentlich vor einem Parteisekretär mit der Faust auf den Tisch schlagen mußte, „Ich habe das Wort Kirchenpolitik nicht gern“, schrieb er mir in seinem letzten Brief. „Ich will lieber einfacher Seelsorger sein – man wird aber immer wieder ins Politische hineingesogen.“

Hj. St.