Von Claus Grossner

Das Ende einer der großen deutschen Denkfabriken steht bevor. Der Heidelberger „Studiengruppe für Systemforschung“ droht die Auflösung – und das, obwohl Bundesforschungsminister Ehmke eben noch – und mit Recht – gefordert hatte: „Wir benötigen dringend eine gesellschaftliche Prognosekapazität.“

Die deutsche Denkfabrik ist nach dem amerikanischen Muster der think tanks – wie RAND Corporation, System Development Corporation oder Standard Research Institute – entstanden. Ihre endgültige Form erhielt sie Mitte der sechziger Jahre. Damals ging die Zeit des Wiederaufbaus unter der Ägide der neoliberalen Wirtschaftstheorie von der freien Marktwirtschaft zu Ende. Die Unruhen an den Hochschulen, die ökonomische Rezession mit ihren Streiks, der Zwang zur Diversifizierung in traditionellen Industrien, die wachsenden Eingriffe des Staates in die bis dahin eher autonomen Bereiche der Wissenschaft und der Wirtschaft – all das waren Symptome eines Strukturwandels. Sie signalisierten die Notwendigkeit, die Entwicklung zu planen, wenn politische Krisen frühzeitig erkannt und verhindert werden sollten. Und mancherorts wurde aus der Notwendigkeit eine Art neue Religion.

Im Aufwind von Futurologiegläubigkeit und Planungseuphorie entstand so Ende des vorigen Jahrzehnts eine Reihe neuartiger Planungsinstitutionen. Professor Jochimsen baute einen großen Planungsstab für das Kanzleramt auf; die Industrie kündigte im Jahr 1969 die Gründung einer branchenübergreifenden industriellen Denkfabrik an, des „Instituts zur Erforschung technologischer Entwicklungslinien“ (ITE); die Max-Planck-Gesellschaft gründete unter Carl Friedrich von Weizsäcker in Starnberg das „Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“; und in Heidelberg florierte die erste und größte unabhängige deutsche Denkfabrik, die „Studiengruppe für Systemforschung“.

Inzwischen ist die Begeisterung für die Planungs- und Futurologieinstitutionen ins Gegenteil umgeschlagen. Obwohl auch weiter die deklamatorische Forderung nach Planung und Prognose erhoben wird, hat die Lähmung oder gar Vernichtung der Denkfabriken, die den überspannten Erwartungen nicht gerecht geworden sind, längst schon begonnen. Reimut Jochimsen ist heute Staatssekretär im Ministerium für Bildung und Wissenschaft; sein Super-Planungsstab im Kanzleramt existiert praktisch nicht mehr. Das Starnberger Institut unter der Leitung von C. F. von Weizsäcker und von Jürgen Habermas konzentriert sich eher auf Theorieprobleme; dem Forschungsinstitut der Industrie ITE und der Heidelberger Studiengruppe droht sogar die Auflösung in ihrer bisherigen Form.

Die Studiengruppe für Systemforschung ist also ein symptomatisches Beispiel. Der Einzelfall zeigt das Dilemma einer Gesellschaft, die ihr Überleben planen muß, Ansätze zur rationalen Planung jedoch gleichzeitig wieder zerstört – eine aktuelle Version der Dialektik der Aufklärung als Dialektik der Planung.

„Ende 1957 fand sich an der Universität Heidelberg eine kleine Gruppe von Geistes- und Naturwissenschaftlern zusammen, die sich mit Fragen der wissenschaftlichen Arbeit und der technisch-ökonomischen Prognose befaßten“, berichtet Professor Helmut Krauch, der Gründer der Studiengruppe. „Seit 1960 war der damalige Bundesminister für Atomkernenergie und Wasserwirtschaft, Professor Balke, an Methoden der Forschungsplanung interessiert und ermutigte uns.“ Im Jahr 1962 unternahm die Studiengruppe gemeinsam mit dem Rationalisierungs-Kuratorium der Deutschen Wirtschaft eine Studienreise zu amerikanischen Denkfabriken. Renommierte Wissenschaftler wie Hans Paul Bahrdt, Paul Matussek und Horst Rittel nahmen daran teil.