Von Nina Grunenberg

Schwedische Intellektuelle lieben es, Ehe und Familie als Institution in Frage zu stellen und theoretisch zu demontieren. Praktisch stammen sie dann selber aus jenen häufig über ganz Skandinavien bis nach Rußland und Deutschland verzweigten Familien, für die einem das Wort „Geschlechter“ wieder einfällt.

Stammbäume scheinen auch in der egalitären Gesellschaft ihre Bedeutung nicht zu verlieren. So weckt zwar ein ernster junger Altphilologe im Mao-Look namens Jan Stolpe Interesse, weil er als Chefredakteur der linksradikalen Zeitschrift Folket i Bild mit scharfem Messer die Widersprüche zwischen den Etablierten und den Regierten in der schwedischen Gesellschaft seziert. Tiefere Bedeutung gewinnt er aber auch deswegen, will er einer großen Schriftsteller- und Journalistenfamilie angehört, deren rechter Ausläufer sein Onkel Sven Stolpe ist, ein in katholischen Kreisen – auch in der Bundesrepublik – bekannter Romancier, der die konservativste Position einnimmt, die sich in Schweden noch denken läßt.

Das illusterste Beispiel einer Familie, die im öffentlichen Leben eine Rolle spielt und fast ein Markenzeichen des Sozialstaats Schweden wurde, sind die Myrdals. In den Spalten der Zeitungen kommen sie öfter vor als die königliche Familie. Man könnte auch sagen: Was die Dynastie der Wallenbergs für die Finanz- und Wirtschaftspolitik bedeutet, das sind die Myrdals für die Sozial- und Friedenspolitik Schwedens. Dabei ließen sie die schwedischen Grenzen immer wieder hinter sich, um an den verschiedensten Brennpunkten der Welt mitzuwirken: Sich an die Krankenbetten der Länder und Kontinente zu setzen und Befunde zu erheben, ist nun einmal eine schwedische Eigenart, aus der Alva und Gunnar ein gemeinsames Lebenswerk gemacht haben. Gösta von Uexküll, selber Sproß einer baltischen Adelsfamilie mit schwedischem Zweig, schrieb einmal über „die Myrdals“: „Er, Nachfahre jener dalekarlischen Bauern, die unter den Fahnen Gustav Wasas ihr Land von Fremd- und Adelsherrschaft befreiten; sie, Tochter eines Baumeisters aus Uppsala; der Sohn Jan, ultralinker Erfolgsautor und Enfant terrible des schwedischen Establishments, haben jeder auf seine Weise und doch auch gemeinsam den Namen Myrdal zu einem Begriff werden lassen.“

Die Karriere des Ehepaares – sie ist heute 71 Jahre ‚alt, er 75 Jahre – begann in den zwanziger Jahren und neigt sich ihrem Ende zu ... Ihr Lebenswerk galt den Unterprivilegierten in Schweden, den Negern in Amerika, der Dritten Welt und einer Strategie des Friedens. Auch wenn sie mit zunehmendem Alter pessimistischer wurden: Für alle ihre Engagements war Solidarität der Antrieb.

Bei Alva Myrdal wurde das noch einmal manifest, als 1969 ein unter ihrem Vorsitz von Sozialdemokraten und Gewerkschaft erarbeitetes „Aktionsprogramm für vermehrte Gleichheit“ erschien und wie das „Neue Testament für die künftige Gesellschaft“ (Rolf Zundel) entgegengenommen wurde. Der Gleichheitsbegriff, der dort von ihr mit bemerkenswerter Starre vertreten wird, ist inzwischen im gleichen Maße fragwürdig geworden, wie sich Schwedens Weg in die Zukunft verunklarte. Die Inhaltlosigkeit des Begriffs Gleichheit, so argumentiert die außerparlamentarische Linke, deren Speerspitze Alva und Gunnar Myrdals Sohn Jan ist, läßt sich schon durch die Steigerung des Begriffs in „vermehrte Gleichheit“ beweisen. Dem ideologischen Bekenntnis des sozialdemokratischen Establishments setzen sie das „Verhängnis der Heimatlosigkeit, der Entfremdung und der Entwurzelung“ entgegen, das für sie die Kehrseite und Folgeerscheinung des schwedischen Traums von der Gleichheit ist.

Daß Jan mit seinen Eltern zerfallen ist, gehört zu den bekannten Tatsachen über das Myrdalsche Familienleben, das im kleinbürgerlichen Sinne wohl nie eins war. „Bei uns“, bemerkte Jan Myrdal in einem Gespräch über linke Schwedinnen, die Kindererziehung als politische Arbeit deklarieren, „gab es auch nur immer Theorien über die Familie. Politische Arbeit dieser Art taugt nicht für Kinder. Ich habe mich immer davongeschlichen.“ Jan Myrdal wird auch der „Guru der Linken“ genannt, aber was er wirklich ist und wo er steht, ist schwer zu sagen. Sicher ist, daß er vom „schwedischen Sozialdemokratismus à la Lassalle“ nichts hält. Für die etablierte kommunistische Partei Schwedens, die als zahm und rechts gilt und den Sozialdemokraten bei Abstimmungen im Parlament ihre Stimmen leiht, ist Jan Myrdal sogar ein Stalinist. Als er vor den Wahlen versuchte, aus Kommunisten und verschiedenen Splittergruppen links von ihnen eine Volksfront zu bilden, scheiterte er. Für die Radikalen mit chinesischen Neigungen ist er ebenfalls nicht akzeptabel. Daß er ein der Gewalt abholder „weißer“ Kommunist ist, die Spezies, die der Wohlfahrtsstaat züchtet, wäre nur dann richtig, wenn man vermeidet, ihn auf eine Stufe mit einem angepaßten DKP-Mann zu stellen.