Die Inflation bläht in allen Ländern die Einkommen auf, ohne daß die Kaufkraft entsprechend steigt. Dadurch ergeben sich für die Steuerpolitik neue Probleme. Da in allen modernen Industrieländern der Grundsatz besteht, daß die Einkommen der Erwerbstätigen gemäß ihrer individuellen Leistungsfähigkeit besteuert, werden sollen, sind die Tarife progressiv angelegt. Je höher das Einkommen, desto höher soll auch der individuelle Beitrag zur Finanzierung des Staates und seiner Leistung sein.

Solange die Geldentwertungsraten nur bei jährlich 1,5 oder 2,5 Prozent lagen, konnten die Steuerpolitiker so tun, als ob mit jeder Lohn- und Gehaltserhöhung auch die steuerliche Leistungsfähigkeit entsprechend zunehmen würde. Heute läßt sich diese Fiktion immer weniger aufrecht erhalten. Denn; wenn beispielsweise die jährliche Inflationsrate bei acht Prozent liegt, ein Arbeitnehmer aber nur eine Erhöhung seines Einkommens um sechs Prozent durchsetzen kann, so bedeutet dies, daß sein realer Lebensstandard sinkt. Für das erhöhte Einkommen kann er weniger Güter und Dienste kaufen als im Jahr zuvor.

Vom Fiskus wird dieser Steuerzahler dennoch so behandelt, als ob er wohlhabender geworden wäre. Auf Grund seines höheren Nominaleinkommens gerät er tiefer in die Progressionszone des Steuertarifs. Sein reales Nettoeinkommen ist deshalb nach Steuern im Vergleich zum Vorjahr noch geringer als sein reales Bruttoeinkommen.

In Schweden, wegen seiner scharfen Steuerprogression berüchtigt, machten sich die unsozialen Folgen der brisanten Mischung von hohen Inflationsraten und stark ansteigenden Steuersätzen noch früher bemerkbar als in der Bundesrepublik. Schon bei einem jährlichen Preisanstieg um beispielsweise 6,5 Prozent reichte 1973 bei einer Marginalsteuer von 62 Prozent, die bereits einen großen Teil der Lohnempfänger trifft, selbst eine Lohnerhöhung um 15 Prozent nicht mehr aus, um den Lebensstandard eines Arbeitnehmers mit 35 000 Kronen Jahreseinkommen zu erhalten. Einem um 5250 Kronen höheren Lohn stand ein Kaufkraftverlust in Höhe von 2275 Kronen und eine um 3255 Kronen höhere Steuerschuld gegenüber. Unter dem Strich fehlten also 530 Kronen.

Da in Schweden eine Milderung der Steuerprogression politisch schwer durchzusetzen ist, weil sie vor allem den Spitzenverdienern zugute kommt, zog die Regierung auf andere Art die Konsequenz aus der Geldentwertung. Sie senkte jetzt die Mehrwertsteuer – zunächst für einige Monate – von 15 auf 12 Prozent und subventioniert Milch und Milchprodukte, Fleisch, Brot und Mehl mit rund zwei Milliarden Kronen aus der Staatskasse.

Um rechtzeitig zu verhindern, daß die Schere zwischen Inflation und Progression auch die Einkommen in der Bundesrepublik in unvertretbarer Weise beschneidet, legte der bayrische Finanzminister Ludwig Huber im Bundesrat den Entwurf eines Steueränderungsgesetzes 1974 vor. Die ZEIT- fragte den Minister, welche Absichten er damit verfolgt.

ZEIT: Herr Minister Huber, Sie haben im Bundesrat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Steuersenkungen vorsieht. Wo sehen Sie die Schwerpunkte?