Ist ein Büttel der Nazis vorstellbar, der im Unterdrücken, Verraten, selbst im Töten einen Rest natürlicher Reinheit und Unschuld bewahrt? Ein bornierter Scherge der Gestapo, so arglos in seinem schmutzigen Geschäft, daß man ahnt, wie schnell er selbst Opfer statt Jäger sein wird? Louis Malles betörend schöner, subtiler und schlichter Film „Lacombe Lucien“ über das Vichy-Frankreich ist ein harter Brocken, nicht nur für seine Landsleute.

Juni 1944. In der Normandie sind die Alliierten gelandet. Im unbesetzten Südwesten heißt Krieg: abwarten, sich vorsehen. Und denunzieren: „Ungefähr zweihundert Briefe pro Tag. Einer schreibt sogar, um sich selbst zu denunzieren. Es ist wie eine Seuche.“ Der bukolische Charme der französischen Provinz ist stickig geworden, die Leute sind überfordert. Unsicherheit, Angst, Mißtrauen regieren, Plündern und Schwarzmarkt, falsche Nachrichten und täglich andere Gerüchte über die politische Lage; ab und zu eine Schießerei zwischen Widerständlern und Kollaborateuren.

Lucien Lacombe, ein siebzehnjähriger Bauernjunge, der im Hospiz Fußböden schrubbt, möchte aus Abenteuerlust zu den Partisanen und landet aus Zufall bei der police allemande. Von Politik versteht er nichts, Kollaboration, Résistance, Patriotismus sind leere Begriffe für ihn. Betrunken gemacht, denunziert er ahnungslos; vom freien, luxuriösen Leben im Nazi-Quartier angezogen, bleibt er dort, bekommt eine Pistole und eine Dienstmarke. Und der jüdische Schneider aus Paris, der sich in dem Städtchen einen Unterschlupf erkauft hat, muß ihm einen eleganten Knickerbockeranzug machen.

Die Franzosen lachen im Kino über seinen harten Languedoc-Akzent. Aber der kleine Bauerntölpel ist plötzlich wer; er genießt die Macht, die er ausübt, den Respekt und die Furcht, die ihm entgegengebracht werden. Er beginnt eine Liebschaft mit France, der Tochter des Schneiders. Als der verhaftet wird und die Deportationen beginnen, flieht er mit France und ihrer Großmutter in die Wälder.

Zwei Stunden lang starrt man diesen Jungen an. „Es ist seltsam“, sagt der Schneider einmal, „ich bringe es nicht fertig, Sie zu verabscheuen.“ Dem Zuschauer geht es ebenso. Lucien ist derb, von einer rüden, animalischen Naivität. Sein verschlossenes Gesicht kann selbst dann, wenn er schreckliche Vorgänge registriert oder scheinbar genüßlich seine Macht ausspielt, zugleich unbefangen, sensibel, stumpf, verständnislos und gefährlich bösartig aussehen. Er scheint nie ganz wahrzunehmen, was um ihn her vorgeht und mit ihm geschieht, und er bleibt auf eine irritierende Weise unbeteiligt, keusch.

Anfangs sieht man ihn Tiere töten: einen Vogel mit der Zwille, aus Langeweile; Hasen mit dem Jagdgewehr, beim Wildern; ein Huhn, das er lachend seiner Mutter eingefangen hat, mit einem flachen Handschlag auf den Kopf. Wenn er abdrückt oder zuschlägt, kneift er die Augen zusammen. Lucien hat ein ganz natürliches, sozusagen bodenständiges Verhältnis zum Töten, ohne Haß oder Sadismus oder Brutalität. Einem toten Pferd, das er wohl mochte, streicht er traurig über den Kopf.

Der Gestapo-Job kommt seiner kindlichen Grausamkeit und seinem Jägerinstinkt entgegen, aber er handelt immer spontan und unreflektiert. Bei einer Belagerung ballert er in alter Gewohnheit auf ein Kaninchen los. Im Haus des Juden, bei dem er sich einfach einnistet, wo er Tyrann und Beschützer, Sadist und Freund und Liebhaber ist, neckt er gutmütig die knurrige Oma, springt jovial mit dem verletzlichen, erzwungen höflichen Schneider um. Mitten in einem Dialog stammelt er betroffen den Namen „France!“ und tappst dann schwerfällig zu seinen Genossen zurück. Und verständnislos übernimmt er deren Posen, Verhaltensweisen, Begriffe. „Ihre Freunde haben meinen Chef umgelegt.“ „Welche Freunde?“ „Die Bolschewiken!“