In diesen Wochen ist in der Sargassosee jene Aal-Generation aus dem Laich geschlüpft, die im Winter 1976/77 in die Nordsee eindringen und dann in den Flüssen aufsteigen wird. Für den 6000 Kilometer weiten Weg von der Sargassosee bis in die Elbe und Weser brauchen die Larven und Jungaale drei Jahre. Allerdings: „Laichreife Aale“, so schreibt der Hamburger Fischereibiologe und Aalspezialist Dr. Friedrich-Wilhelm Tesch „wurden im Sargassomeer überhaupt noch nicht erbeutet.“ Der eine verbreitete Schulweisheit beunruhigende Satz steht in einer Monographie, die Dr. Tesch erarbeitet hat:

„Der Aal – Biologie und Fischerei“ (Verlag Paul Parey, Hamburg, 306 S., 78,– DM).

Alles über den Aal – wer will das lesen? Für die Forschung ist eine solche Zusammenschau von gesicherten und ungesicherten Erkenntnissen deshalb wichtig geworden, weil der gegen operative Eingriffe sehr widerstandsfähige und stets leicht zu beschaffende Fisch mehr und mehr zum Labortier der Physiologen wird. Für den Sportfischer oder den biologisch interessierten Leser ist der Aal ein an vielerlei Merkwürdigkeiten reiches Tier. Aale wandern mit einem angebogenen und noch ungeklärten .„Richtungssinn“ wie die Zugvögel; sie finden heim zu ihrem Standort wie die Brieftauben und nehmen es im Geruchssinn mit dem besten Polizeihund auf.

Trotz eines respektablen Literatur-Registers von dreiundzwanzig eng bedruckten Seiten mit den bisher erschienenen Aal-Publikationen – niemand hat bisher befruchteten Aallaich oder das Schlüpfen der Larven gesehen.

Dabei stimmt offenbar nicht einmal die Schulbuch-Wendung, daß der Europäische Aal „in der Tiefsee“ laicht, wo der Laichakt der Beobachtung oder Netzoperationen schwer zugänglich wäre. Vermutet wird vielmehr eine Tiefe von hundertfünfzig Metern oder wenig tiefer. Als Indiz dafür gilt, daß Aale im Aquarium eine höhere Geschlechtsreife oder gar Laichreife nur bei Temperaturen von mehr als 20 Grad erlangen konnten, größere Tiefen also für das Ablaichen zu kalt sind.

In den Versuchen französischer, japanischer und deutscher Biologen, Aale künstlich zur Laichreife zu bringen, ist es bisher noch nicht gelungen, bei beiden Geschlechtern dies gleichzeitig zu erreichen. Nach einer Behandlung mit verschiedenen Hormonen konnten befruchtungsfähige Spermien und 1,2 bis 1,4 Millimeter große Eier erzielt werden.

Ein für Wissenschaft und Praxis gleichermaßen interessantes Rätsel war die ungleiche Verteilung der Geschlechter: Männchenüberschuß in Kistennähe, Weibdienüberschuß im Binnenland. Im niederländischen Isselmeer sind 94 Prozent der Aale männlich. Ein „männchen-bestimmender“ Salzgehalt oder ein stärkerer Wandertrieb der Weibchen erwiesen sich als nicht’haltbare Erklärungen dafür. Das Geschlecht der Aale ist vielmehr wandelbar. Es wird nicht allein von Geschlechtschromosomen bestimmt, sondern diese .Anlage kann durch Umwelteinflüsse überdeckt werden nach der Regel: „...umso mehr Weibchen, je weniger dicht die Bestandsdichte.“ Wo es viel Nahrung gibt und wenig Aalkonkurrenz, dort überwiegen die Weibchen wie zum Beispiel auch im Umkreis von Helgoland. Bei Hungei und Gedränge werden aus ihnen Männchen.