Die Idee, das Tempo der Briefzustellung zu reduzieren, war offenbar keine einmalige Entgleisung Ehmkes

Jeder kann mal ins Fettnäpfchen treten. Doch es gibt Leute, die dafür eine ausgesprochene Begabung haben und den Fuß auch gar nicht mehr herausnehmen wollen. Zu dieser Gruppe gehört zweifellos der Bundesminister Horst Ehmke – und er ist sogar noch ausgesprochen stolz darauf.

Natürlich verriet die Art, wie Ehmke, unter anderem zuständig für die Post, die Gebührenerhöhungen angekündigt hat, kein Übermaß an politischem Fingerspitzengefühl. Doch da an höheren Posttarifen ohnehin kein Weg vorbeiführt, könnte darüber hinweggesehen werden. Auch die Einstellung verschiedener Postdienste erscheint unvermeidlich.

Unverzeihlich und unbegreiflich ist aber, daß ein deutscher Postminister allen Ernstes verkündet, es käme doch gar nicht darauf an, ob Briefe einen Tag früher oder später ankommen – und diesen Unfug auch noch ständig wiederholt.

Ehmke glaubt zwar, herausgefunden zu haben, daß sich eilige Nachrichten heute per Telephon und Fernschreiber, übermitteln lassen, hat dabei aber übersehen, daß noch längst nicht jedermann über diese Geräte verfügt (oder oft Monate auf ihre Installation warten muß). Überdies ist ihre Benutzung für viele zu teuer. Es gibt auch immer noch zahllose eilige Sendungen, die sich nicht per Draht übermitteln lassen.

Täglich werden Millionen Briefe und Päckchen verschickt, auf die ihre Empfänger mit Ungeduld warten – Dokumente, Photos, persönliche Nachrichten. Und wenn der Minister einer Regierung, die ständig von einer Erhöhung der Lebensqualität redet, behauptet, Liebesbriefe brauchten nicht-bereits am nächsten Tag anzukommen, ist das schlicht unverschämt. Für den Empfänger kann dies weit wichtiger sein als der Streit um die Mitbestimmung oder ein Vertrag mit Moskau.

Auch als Dienstherr disqualifiziert sich Ehmke mit solchen Sprüchen. Für das Selbstverständnis und die Berufsauffassung von vielen zehntausend Postbediensteten kann es nicht ohne Folge bleiben, wenn der zuständige Minister das Prinzip außer Kraft setzt, daß die der Post anvertrauten Sendungen zuverlässig und so rasch wie irgend möglich den Empfänger erreichen müssen und statt dessen die Bummelei zum Geschäfts-Prinzip erhebt. Ehmke und die Postkunden brauchen sich dann nicht zu wundern, wenn sich die Angestellten und Beamten des größten deutschen Dienstleistungsunternehmens in Zukunft entsprechend verhalten.