Von Heinz Perleberg

Slibowitz gegen Wodka, Zyka kontra Radeberger – so oder ähnlich hätten Spielpaarungen im Lichte von Werbemanagern der Getränkeindustrie lauten können. Noch aber gibt es Grenzen für das sicher ambivalente Verhältnis zwischen Sport und Geschäft, sie enden bei Nationalvertretungen. So kämpften dann auch, alle 16 Mannschaften bei den VIII. Weltmeisterschaften im Hallenhandball der Männer in der DDR brav in Trikots mit den jeweiligen Staatsemblemen. Nach 16 Jahren gab es in der Ostberliner Werner-Seelenbinder-Halle für eine Reihe bekannter Handballexperten ein Wiedersehen. Roland Mattsson aus Stockholm und Jiri Vicha aus Prag, die beiden Torleute des WM-Endspiels 1958, sind heute Trainer ihrer Nationalmannschaften. Der damalige Trainer des Weltmeisters, Curt Wadmark, tauschte die Trainerbank mit dem Präsidentenstuhl.

Aus dem Spielerkreis der seinerzeit noch gesamtdeutschen Mannschaft konnten sich Rudi Hirsch und Paul Tiedemann, heute mitverantwortlich für die DDR-Auswahl, sowie Adolf Giele und Horst Kaesler als amtierende Bundestrainer Erinnerungen und Erfahrungen austauschen. Auch für die Trainer der deutschen Mannschaft von 1958 gab es ein Wiedersehen. Während Werner Vick (West) nach München 72 seinen Trainerjob aufgab, konnte sein Kollege Heinz Sieler (Ost) abermals das Endspiel erreichen. Wie bei der vorangegangenen Weltmeisterschaft in Frankreich war auch jetzt wieder Rumänien Gegner im Endspiel. In einer sehr hektisch und hart geführten Auseinandersetzung gewannen die Rumänen mit 14 : 12 Spiel und Goldmedaille. Vielleicht gaben die unterschiedlichen Belastungen beider Teams auf dem Weg ins Finale den Ausschlag. Die rumänischen Spieler wurden in der Vorrunde nicht sehr gefordert, während die Mannschaft der DDR viel Kraft und Nerven lassen mußte. Die Spiele gegen die Sowjetunion und Jugoslawien waren vom Tempo Technik und Taktik eine Augenweide. Kraftvolle Würfe aus der zweiten Reihe wechselten mit gefühlvollem Anspiel der Kreisläufer. Die technische Eleganz der Spieler auf den Außenpositionen, ihre Torschüsse aus spitzestem Winkel waren Kennzeichen einer Weiterentwicklung des Handballspiels. Während sich die Polen mit stark verbesserten Leistungen in der Weltspitze etablieren konnten, sind Schweden und die Bundesrepublik diesem Kreis nicht mehr zuzurechnen.

Die katastrophalen Leistungen unserer-Mannschaft und ihre Niederlage im Eröffnungsspiel gegen Dänemark waren zugleich der Auftakt für den Abstieg in die Trostrunde. Der Sieg über die schwachen Isländer ergab nicht die notwendige Stimulanz zum entscheidenden Spiel gegen die ČSSR, nur eine Halbzeit konnten unsere Akteure mithalten, und am Ende hatten sie 11 : 17 verloren. War unserer Olympiaauswahl 1972 noch das Debakel des vorzeitigen Ausscheidens durch die unerwartete Schützenhilfe der Spanier erspart geblieben – diese schlugen überraschend Norwegen – die Dänen taten uns bei der Weltmeisterschaft jenen Gefallen nicht und zogen durch ihren Sieg über Island statt der deutschen Mannschaft selber in die Endrunde ein.

Versagen bei Meisterschaften und enttäuschte Erwartungshaltung bei allen Beteiligten ist für den Deutschen Handballbund schon Routinesache geworden. In entscheidenden Situationen wirken unsere Spieler zu sehr „problemorientiert“. Man hat den Eindruck, vor lauter Verantwortung vergessen die Spieler ihre Hauptaufgaben. Verantwortung aber wofür? Für Deutschland? Für die Mannschaft? Man darf es bezweifeln. Bleibt nur noch das Spielen für die eigene Person. Und dies scheint am ehesten zuzutreffen. Ist es die in letzter Zeit immer stärker zu beobachtende Akademisierung der Mannschaft, die den Umsetzungsprozeß sozio-theoretischer Kenntnisse über Gruppendynamik in praktisches Handeln so sehr erschwert? Damit soll keineswegs gegen die erfreuliche Leistungsbereitschaft unserer Studenten polemisiert werden. Jedoch ein rechtes Wort zur rechten Zeit, aus gesundem Menschenverstand heraus angebracht, kann oft mehr bewirken, als langatmige Grundsatzdiskussionen.

Irritierend für den Laien muß immer wieder die Tatsache sein, daß deutsche Vereinsmannschaften im Europa-Cup hervorragend abschneiden, allen voran der VfL Gummersbach und die FA Göppingen. Parallelen im internationalen Leistungsvergleich lassen sich durchaus auf den Fußballsektor übertragen, allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Gleichfalls Dominanz in den Cup-Wettbewerben, darüberhinaus aber die fundierte Aussicht, Fußballweltmeister zu werden. Solche Leistungen lassen den Schluß zu, daß in jenen Vereinen sowohl Struktur als auch personale Probleme optimal gelöst sind. Vereins-, Abteilungs- und Mannschaftsführung sind aufeinander abgestimmt. Was führende Vereinsmannschaften im Handball bewiesen haben und der Deutsche Fußballbund mit seiner Nationalmannschaft praktiziert, war dem Deutschen Handballbund im letzten Jahrzehnt versagt geblieben.

Um wieder Anschluß an die internationale Leistungsspitze zu bekommen, sind zunächst einmal solide ausgebildete und geschulte Trainer unabdingbare Voraussetzung. Das Lehr- und Ausbildungssystem des Deutschen Fußballbundes für seine Trainer und Übungsleiter ist vorbildlich und könnte als Modell dienen. Das gegenwärtig praktizierte Wettkampfsystem bedarf schnellstens einer Revision. Nur sechs Monate Punktspielbetrieb pro Jahr sind unzureichend für den Hochleistungssport.

Zielsetzung und Selbstverständnis des Deutschen Handballbundes sicherlich über das Postulat aus der Zeit der „Gründerjahre“ des modernen Sports hinaus, daß nicht der Sieg, sondern die Teilnahme das wichtigste sei.