Amerikas Landwirtschaftsforschern ist Ungeheuerliches widerfahren, meinen die Betroffenen. Kritisch setzen sich zwei soeben erschienene Untersuchungsreports mit den Erfolgen, Vorhaben und Zielen der landwirtschaftlichen Forschung auseinander. Und in beiden Studien erhalten die Wissenschaftler durchweg schlechte Zensuren: „Stagnation“, nur „beschränkte Leistungsfähigkeit“ und eine „schockierende Menge qualitativ minderer Forschungsvorhaben“ sind die Hauptvorwürfe des einen Reports. Die zweite Untersuchung geht mehr ins Detail und wirft den Vertretern der Landwirtschaftswissenschaften vor, durch die bisher betriebene exzessive Pflanzeninzucht sei die Anfälligkeit von Nutzpflanzen gegenüber Krankheiten enorm angestiegen. So sei die augenblickliche Situation, lautet das Fazit des zweiten Reports, „ernst, bedrohe möglicherweise das Wohlergehen aller amerikanischen Bürger und verschlechtere sich zudem fortwährend statt sich allmählich wieder zu verbessern“.

Gewiß nicht zum ersten Male haben sich die Agronomen solcher Kritik gegenüber gesehen. Was die Forscher aber verunsichert und gleichzeitig in Rage versetzt, sind die Kritiker: Studie Nummer eins verfaßten 19 Mitglieder der angesehenen National Academy of Sciences (NAS) und Wissenschaftler aus dem amerikanischen Landwirtschaftsministerium wiesen in der zweiten Studie auf die Gefahren der genetischen Auswahlmethodik hin.

So ist denn erstmals ein unter den Forschern in aller Welt stillschweigendes Gentleman’s Agreement gebrochen worden: öffentlich hatten sich Wissenschaftler bisher noch nicht selbst kritisiert. Daß Forscher, gleich welchen Fachgebietes, Einwände und Einreden gegen ihre Arbeit und gegen ihre erklärten Forschungsziele nicht tolerieren, ist sattsam bekannt. Wissenschaftler erforschen, was sie selbst für erforschenswert halten und sie bestimmen auch den Beginn ihre Forschungsarbeiten. Rechtzufertigen brauchten sie in der Vergangenheit weder ihre Vorhaben, kaum ihre Budgetanforderungen und schon gar nicht mußten sie über die mageren Ergebnisse ihrer Bemühungen Rechenschaft ablegen – etwa gegenüber den Steuerzahlern, die ja jährlich weit-, weit die Forschung mit Milliardensummen bezahlen müssen.

Sicher ist: die großen Wunder der neueren Wissenschaftsgeschichte gelangen überwiegend in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Was danach kam, war – mehr oder minder – handwerkliche Weiterverarbeitung, Leistung von Ingenieuren, jede für sich in ihrer Ausführung eine imponierende Leistung, Erfolge der Wissenschaft aber waren es eben nicht. Gleichwohl erregte nie die Gemüter, daß der Steuerzahler heute alle drei Jahre die gleiche Summe bereitstellen muß, die in den gesamten ersten 50 Jahren dieses Jahrhunderts ausgereicht hatte, die bahnbrechenden Erfolge der Wissenschaft finanziell zu ermöglichen.

Zwar ist unbestritten die Forschung, auf staatliche Gelder angewiesen und nur Engsichtige wollen von dieser Regel abrücken. Doch Wissenschaft und Wissenschaftler sollte in Zukunft öfter und präziser auf die Finger geschaut werden, ob die Forscher ihre angekündigten Projekte denn mit dem nötigen und mit dem möglichen Nachdruck vorantreiben.

Daß Amerikas Agrar-Forscher die Kritik aus dem eigenen Lager nicht kommentarlos hinnehmen würden, war absehbar. Doch es überraschte wie zornig und bisweilen kopflos sie der Kollegenschelte begegneten. Die eine Gruppe sah bereits den Fortbestand der gesamten Forschung bedroht und durch beide Reports Wert und Maßstäbe der wissenschaftlichen. Betätigung überhaupt in Frage gestellt. David Ward vom Agricultural Research Policy Advisory Committee prophezeite, durch die scharfe Formulierung der NAS-Studie würden sich viele Wissenschaftler in die Vogel-Strauß-Rolle gedrängt fühlen und darum auch die wenigen positiven Empfehlungen des Reports nicht beherzigen.

Besonders empfindlich reagierte Roy M. Kottmann von der Ohio State University auf die NAS-Kritik. Er nannte den Report „erniedrigend“, der die „Persönlichkeit und die Vorurteile der Verfasser“ enthülle. Sehr viel besser wäre es gewesen, alles noch einmal – nach guten Standesbrauch – gemeinsam zu bereden. Vor allem hätte die Studie nicht veröffentlich werden dürfen. Jetzt könne das „unfaire und unweise“ (Kottmann) NAS-Papier „leicht fehlinterpretiert und von Journalisten mißbraucht werden“.