Münden

Rudolf Schöfberger, vor zwei Jahren als „roter Rudi“ an die Spitze der Münchner Sozialdemokraten gewählt und inzwischen in der Mühle der Bonner Bundestagsfraktion weitgehend auf Angleichung getrimmt, nimmt in der weißblauen Heimat den Gegner aufs Korn: „Ich glaube nicht“, so verkündete er mit sonorem Baß, „daß der Weg richtig ist, den der Landesvorsitzende Dr. Hans Jochen Vogel mit geradezu beängstigender Hartnäckigkeit einschlägt.“ Und während sich noch der Münchner SPD-Unterbezirksvorsitzende am Beifall seiner Genossen erfreute, die ihn wenig später mit der unerwartet geringen Zahl von 55 Gegenstimmen wieder an die Spitze eines nun auf rigorosen Linkskurs getrimmten Vorstands wählten, setzte Schöfberger zum nächsten Nackenschlag gegen den ungeliebten Landesparteichef an: „Führungskunst besteht zuvorderst aus Integrationskraft und nicht aus konfliktstrategischer Zerstörungswut.“

Doch der Münchner Parteitag, auf dem am Wochenende diese starken Worte fielen, bewies erneut, daß das Problem Integration in der bayerischen SPD für Schöfberger zumindest ebenso schwer lösbar ist wie für Vogel, der im parteiinternen Flügelkampf immerhin eine eindeutige Position einnimmt. Der Landesvorsitzende hatte schon fünf Tage zuvor bei der Analyse des Wahlergebnisses von Hamburg vor seinem nur knapp beschlußfähigen Vorstand wieder einmal die Gelegenheit zur Begradigung der Fronten günstig eingeschätzt. Mit einer Deutlichkeit, die an ihm bisher noch nicht beobachtet wurde und die alle früheren Versuche übertraf, „Konfliktstrategen und Systemsprenger“ aus der SPD herauszudrängen, plädierte Vogel für die verschärfte Auseinandersetzung mit der Linken, die sich vor allem im Münchner Unterbezirk sammelte. Die Folgen dieser Strategie skizzierte Vogel gleich mit auf: Er sei bereit, so verkündete er, den Parteiaustritt ganzer Gruppen für den Lohn einer ungeschmälert auf den Kurs realer Reformen festgelegten bayerischen Sozialdemokratie in Kauf zu nehmen. Und wenn er unterliege, ließ Vogel durchblicken, dann kalkuliere er auch das Risiko des Rücktritts von seiner Spitzenposition im Wahlkampf ein, zu der er sich ohnehin erst Anfang Mai und unter der Bedingung, daß sein Wahlprogramm die deutliche Mehrheit eines Parteitags findet, nominieren lassen will. Vogel: „Es kann durchaus sein, daß sich ein paar Gruppen solidarisieren und aus der SPD austreten. Für die Partei wäre das kein Schaden, und außerdem ist es jetzt dafür höchste Zeit.“

Diese „höchste Zeit“ sitzt Vogel unerbittlich im Nacken. Selbst in gemäßigten Zirkeln bayerischer SPD-Hierarchie bröckelt der Anhang Vogels bei der Frage ab, ob das ungezielte Sperrfeuer, das der „große Vorsitzende“ (Juso-Diktion) nach links abschießt, in der Partei nicht doch mehr Schaden anrichtet als einige wohlüberlegte Blattschüsse gegen linke Exponenten. Während Vogel meint, je länger die SPD mit ihrer Flurbereinigung warte, desto größer werde der Anteil linker Unterwanderer, befürchtet Schöfberger, beim Messen mit Vogels Etiketten-Elle müsse zumindest in München ein Drittel der Genossen die Partei verlassen.

Daß diese Beurteilung selbst in Vogels engstem Vertrautenkreis nicht ganz verworfen wird, bewies das Vorstandsvotum nach sechsstündiger stürmischer Debatte: Die Spitzengenossen formulierten einen Kompromiß, der den südbayerischen Bezirk ermuntert, Parteiordnungsverfahren nur gegen drei Münchner Jusos einzuleiten, unter ihnen der designierte Juso-Landesvorsitzende Bernd Schoppe. Vogels Hinweis, auch in der Bundestagsfraktion seien Gegner des demokratischen Sozialismus anzutreffen, wurde lediglich zur Kenntnis genommen, und sogar Vogels Vize Peter Glotz, Vorsitzender einer parteiinternen Schlichtungskommission, enthielt sich der Stimme. Glotz meinte später: „Wir setzen auf Integration.“

Dieses Zauberwort verwiesen Münchens Jusos jedoch schon wenige Stunden nach dem Vorstandsbeschluß in den Himmel politischen Wunschdenkens. Ihr neuer Sprecher Dieter Berlitz stellte nach einer Philippika auf den Landesvorsitzenden und dessen Anhänger die Frage, „wer denn eigentlich nicht mehr auf dem Boden des Godesberger Programms steht“, und befand, Vogels Wahlprogramm, das zur Gretchenfrage von dessen Kandidatur werden soll, sei eine Festlegung der SPD „auf das kapitalistische System“ und ein Mittel, „mit dem die Rechten der Partei jede Veränderung abblocken wollen“. Schöfberger, den linksaußen sektierenden Münchner Jusos längst suspekt, gab sich denn auch beim Unterbezirksparteitag verbal versöhnlich, forderte „ein Höchstmaß an gutem Willen auf beiden Seiten“ und stellte mit Seitenblick auf die Landtagswahl fest: „Manches, was wir uns geleistet haben, müssen wir in Zukunft unterlassen.“ Taten folgten dem Appell indes nicht.

Denn wenig später trimmte die linke Vierfünftelmehrheit des Parteitags den Vorstand auf eindeutigen Anti-Vogel-Kurs und versagte sowohl dem Gewerkschaftskandidaten als auch den Bewerbern der rechten Stadtratsmehrheit Sitz und Stimme in der Parteispitze. „Nach dieser Wahl“, folgerte der zu überraschendem Kampfesmut erwachsende Oberbürgermeister Georg Kronawitter, „wird die Münchner SPD zwar mit ‚Marx- und Engelszungen‘ reden, sie gerät aber in die Gefahr, daß ihre Worte auf steinigen Boden fallen und wenig Früchte tragen werden.“