Immer wieder geben Gutachter bekannt, daß man so nicht mehr schreiben könne: nicht mehr wie Fontane, nicht mehr wie Tucholsky. Dabei haben doch Fontane und Tucholsky – gerade als Kritiker, als Journalisten – trotz ihrer weit entrückten Gegenstände so viel an Überredungskunst und Unterhaltungskraft bewahrt, daß wir sie sicher mit Entzücken wiederum am Werk sähen.

Dagegen: wie die Herren von der alten „Frankfurter“, wie diese vornehmen, bedachtsamen Artikelschreiber, kann man’s wohl nun wirklich nicht mehr machen. Dieses: ich bin fein, bin schreckhaft, bin belesen. Was für Empfindungen beseelen mich einer Radierung oder einem Felsblock gegenüber?

Doch freut euch nicht zu früh: Die Adorno-Ausleger, die heute so viel Platz beanspruchen, sind nicht ein bißchen weniger hochmütig.

Genug – es ging ja nur darum, daß der Journalistenorden, der noch unter Hitler (in der alten „Frankfurter“, bis 1943) und dann auch nach Hitler (vorzugsweise in der „Gegenwart“) als das Allerfeinste galt, nicht mehr viel ausrichtet. Es gibt berühmte Ausnahmen wie – dank seiner Adorno-Nähe – Walter Benjamin. Und es gibt unberühmte, die berühmt sein sollten, denen zum Ruhm vielleicht nur etwas Wichtigtuerei oder Betriebsamkeit gefehlt haben, etwas roher Ehrgeiz. Herbert Kusel (1904–1969) hat für seine Zeitschriftenbeiträge nach dem Krieg zwar süchtige Bewunderer gewonnen, aber er hat nie ein Buch verfaßt, war nie vor einem Mikrophon oder vor einer Fernsehkamera zugange, auch der Name blieb nach Möglichkeit versteckt. Ein kleines k. stand unter den Artikeln in der „Gegenwart“, von denen einige nun doch – gemeinsam mit zwei späten Arbeiten und einer früheren (und legendären) – im Buch versammelt sind, im ersten Küsel-Buch –

Herbert Küsel: „Zeitungs-Artikel“; Einleitung von Dolf Sternberger; Veröffentlichungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt; Verlag Lambert Schneider, Heidelberg, 1973; 396 S., 45,– DM.

Das erste Stück dieser Sammlung ist ein Gedenkartikel und hat Geschichte gemacht, Zeitungsgeschichte, NS-Geschichte. Dietrich Eckart, Hitlers Freund und Gönner und „der Barde der Bewegung“, wäre, wenn er damals noch gelebt hätte, im Frühling 1943 fünfundsiebzig Jahre alt geworden. Jede deutsche Zeitung mußte den Geburtstag feiern. Für die „Frankfurter“ kam Kusel dem Gebot nach mit einem an Einzelheiten reichen Lebensbild.

Läßt sich heute noch begreifen, was an solcher Schilderung so aufregend gewesen ist und so riskant? Den Nachgerückten mag die Ironie gefallen, falls sie dafür Sinn haben. „Soll der Mensch die Welt bejahen, oder soll er sie verneinen – der Grübler in Eckart ist wieder am Werke.“ Ein schlichter Geist, aber ein munterer Zecher – „die Leber macht Beschwerden“. Wenn der Vater ihm abends den Anzug wegnimmt, schlägt sich Eckart auch schon mal im Schlafrock und in Unterhosen zu den Stammtischbrüdern durch, und die „wissen, warum sie ihn umjubeln“.