Von Wolfgang Hoffmann

Hans Voigt, promovierter Mediziner und Inhaber einer pharmazeutischen Fabrik in Berlin, ist weiterhin uneinsichtig. Obwohl er seit Jahren weiß, daß er ein Medikament auf den Markt gebracht hat, das zur Drogensucht führen kann, wehrt er sich mit allen juristischen Mitteln gegen die Verschreibungspflicht seines Produkts. Steif und fest behauptet er, sein als „AN I“ bekanntes Mittel besitze „keine suchterzeugenden Eigenschaften“.

Dabei ist von Medizinern an einigen medizinischen Hochschulen längst erwiesen, daß „AN I“ bei Haschern und Fixern eine begehrte Ware ist. Denn das Präparat erzeugt „halluzinatorische Wahrnehmungsstörungen“: Als erste hatten dies Mediziner an den Universitäten Bonn, Hannover, Kiel und München herausgefunden. Als sie ihre Erkenntnisse publiziert hatten, reagierte der Berliner Pillendreher prompt. Er verklagte die Ärzte. Von den Gerichten sollte den Ärzten verboten werden, ihre Behauptung, „AN I“ sei in der Wirkung gewissen Drogen gleichzusetzen, weiterhin zu publizieren. Nach Meinung von Voigt nämlich ist sein Mittel völlig ungefährlich. Es diene bei richtiger Anwendung als risikoloses Therapeutikum bei Nachlassen der körperlichen und geistigen Leistungen.

Daß Voigt den Rechtsweg beschritt, hatte für ihn gute Gründe. Durch die Veröffentlichungen mußte er nämlich befürchten, sein bisher rezeptfreies Präparat werde unter die Verschreibungspflicht fallen – was inzwischen auch, angeordnet wurde.

Als Voigt sein „AN I“ noch frei verkaufen konnte, erzielte er einen Jahresumsatz (1971) von etwa 2,5 Millionen Mark. Dabei wurden von den rund 70 000 verkauften Packungen „AN I“ aber nur zirka 7000 ärztlich verordnet, wie einer der verklagten Ärzte ermittelte. Der Rest wurde frei verkauft. Das entspricht der allgemeinen Erfahrung: Wenn ein Präparat unter die Rezeptpflicht fällt, muß der Fabrikant davon ausgehen, daß er nur noch etwa ein Zehntel seines früheren Umsatzes erreicht.

Dies vor Augen, setzte Voigt bei seinen Klagen gegen kritische Mediziner denn auch gleich den Streitwert jeweils zwischen 50 000 und 100 000 Mark an. Je höher der Streitwert, um so höher sind nämlich auch die Kosten, die der Verlierer eines Prozesses tragen muß. Da es sich kaum einer der Ärzte leisten kann, das finanzielle Risiko eines solchen Prozesses, einzugehen, spekulierte Voigt darauf, daß sie davor zurückschrecken würden, weiterhin sein Präparat in Publikationen als gefährlich darzustellen.

Aber nicht nur in dem hohen Streitwert solcher Prozesse liegt ein finanzielles Risiko für kritische Wissenschaftler. Verlieren sie nämlich den Prozeß, müssen sie unter Umständen auch noch mit einer Schadensersatzklage rechnen, deren Folgen durchschnittlich verdienende Hochschulärzte ruinieren können. Deshalb veranlaßte das Vorgehen der Berliner Firma den Hannoveraner Medizindozenten P. Schönhöfer zu der Frage, „ob denn die garantierte Freiheit von Forschung und Lehre noch gewährt“ sei. Wer nämlich damit rechnen muß, daß seine wissenschaftlichen Forschungen bei einer Veröffentlichung kostspielige Prozesse nach sich ziehen, wird angesichts der hohen und von ihm zunächst vorzustreckenden Gerichtskosten vor einer Publikation seiner Arbeiten zurückschrecken. Damit aber wäre weder der Forschung noch der Allgemeinheit, die vor gefährlichen Präparaten gewarnt werden muß, gedient.