Von Wolfram Siebeck

Barsington, das Landhaus der Lady Ottoline Morrell bei Oxford, ist den Freunden der englischen Literatur ein Begriff wegen der klugen Leute, die dort vor fast 60 Jahren aus und ein gingen – Bertrand Russell, Virginia Woolf, Aldous Huxley, D. H. Lawrence und andere. Aus den Memoiren einer Augenzeugin erfahren wir jetzt, daß Lady Ottolines Mann allen auf Barsington weilenden Damen die Haare schnitt. Nicht aus Perversion, sondern einfach so. Die Tatsache, daß das ausdrücklich erwähnt wird, läßt darauf schließen, daß es sich nach damaligen Begriffen um eine schon sehr extravagante Marotte gehandelt haben muß. Wohingegen es als völlig normal galt, wenn die Gäste es mit den Zimmermädchen trieben oder mit dem Gärtner durchbrannten. Aber Haareschneiden – du liebe Güte!

Heute ist es umgekehrt. Heute leben Klatschkolumnisten wochenlang davon, wenn einem Hohenzollernprinzen die Frau mit einem Schauspieler durchbrennt. Aber daß sie vorher dem Prinzen jahrelang die Haare geschnitten hat, darüber wird kein Wort verloren. Denn mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sich die Affen gegenseitig die Flöhe vom Pelz suchen, schneiden wir unseren Nächsten die Haare. Sogar in der Familie des Bundespräsidenten ereignete sich ein solcher Fall von Familienschur. Bei mir ist es nicht anders:

Widdersberg, der Landsitz des Wolfram Siebeck, ist den Müllkutschern ein Begriff wegen der vielen Locken, die dort wöchentlich abtransportiert werden: dunkelbraune, mittelbraune, hellbraune, graue und andere. Augenzeugen wissen zu berichten, daß der Hausherr allen auf Widdersberg weilenden Kindern die Haare schneidet. Nicht aus Sadismus, sondern einfach so. Daß er selber seit Jahren nicht mehr beim Frisör war, versteht sich am Rande.

Es ist dies nicht Sparsamkeit oder bedingt durch den Umstand, daß der nächste renommierte Haarkünstler erst in einer Entfernung von 35 Kilometern mit der Schere klappert. Es ist der neue Trend. Hausgemachte Marmelade, der eigene Gemüsegarten und selbstgestrickte Topflappen gehören dazu. Eine Hobby-Bäuerin aus der Nachbarschaft verfertigt, wenn sie nicht gerade in Schottland den Golfschläger schwingt, Naturkosmetik in ihrer Bauernküche. Für wenig Geld und aus natürlichen Ingredienzen wie Sahne, Huflattich, Kamille und Lanolin. Nach ihren Rezepten schmieren wir uns Sachen ins Gesicht, die wir früher zum Dessert gegessen haben. Zwar riechen wir jetzt häufig wie schlecht gespülte Milchkannen. Aber der neue Trend, das sind nicht nur die Treppen im Haar, das ist auch der ranzige Duft hinterm’Ohrläppchen.

Zugegeben, mit meiner heutigen Frisur könnte ich nicht mehr auf einem Laufsteg sitzen und auf meinem Kopf die wohlgefälligen Blicke der Innungsmeister spüren, wie das in meiner Jugend war, als ich mir ein zusätzliches Taschengeld damit verdiente, daß ich Jungfrisören für die Gesellenprüfung Modell saß. Auch verschafft mir die Naturkosmetik nicht die männlich-sportliche Note, die mich bei den hiesigen Zimmermädchen attraktiv machen würde. Die brennen sowieso lieber mit dem Gärtner durch (das ist noch der alte Trend), so daß ich auch die Hecken selber schneiden muß. Doch wird das alles aufgewogen, wenn man später einmal von mir sagt: „Eigentlich sah er furchtbar aus, und schlecht gerochen hat er auch. Aber, das muß man sagen, er war immer up to date!“