Die Albaner sperren sich gegen Überfremdung – aber Netzer ist ein Begriff

Von Christian Schmidt-Häuer

Wäre Albanien ein offenes Reiseland, dann fiele es schwer, sich für einen der landschaftlich paradiesischen Winkel dieses kleinen Balkanstaates zu entscheiden. Wer nur nach Tirana kommt, dem bleibt die Qual der Wahl erspart. Den Schlüssel zur Moschee – zur Moschee des Hadschi Ethem Bey, dem bedeutendsten historischen Baudenkmal der Stadt – muß sich der Besucher selbst vom Ausländerhotel Dajti holen. Andere Schlüssel, um in Tirana touristische Reize für den Normalverbrauch aufzutun, bietet auch das Dajti nicht.

Gemessen an den überladenen Kunstaltären des alten Europa wirkt Tirana wie ein naiver Holzschnitt des sozialistischen Realismus. In der erst 1614 durch den Bau eines Backofens und – eines türkischen Bades gegründeten Stadt bietet sich die Geschichte nicht in imposant versteinerten Kapiteln der Vergangenheit und die Kunst nicht als kostbare Ware dar. Beide haben vielmehr dem Alltag und der Produktion zu dienen: Die Partei stimuliert mit ihrer Hilfe den Stolz dieser ältesten Balkanbewohner auf den Wiederaufstieg aus dem Nichts. Vor diesem Nichts der 500 Jahre währenden Türkenherrschaft hatten sich die Wege der Völker und Kulturen an vielen Stellen des heutigen Albaniens gekreuzt – auf Tirana aber fiel, davon kein Abglanz mehr; hier kreuzten sich nur noch die Karawanenstraßen.

Die Stadt bietet denn heute auch keine dem Alltag entrückten Ausschnitte, wohl aber den Blick auf ein überschaubares Ganzes: Man kann dem Wunder und den Tugenden nachspüren, die ein buchstäblich zum Verschwinden kleines Volk die Jahrhunderte der Unterdrückung, der geographischen und religiösen Teilung und der nachbarlichen Beutezüge überleben ließen. Und man kann dann – selbst mit dem flüchtigen Blick des Touristen – einiges Verständnis gewinnen für die im Zeitalter der Massenkommunikation so mitleidig belächelte Selbstisolierung der albanischen „Adlersöhne“. (Skipetaren), die zwar den technischen Fortschritt einfliegen möchten, sich aber gegen die Zivilisationsschäden und Überfremdung im Kielwasser dieses Fortschritts mit fast alttestamentarischer Konsequenz zu sperren versuchen.

Wer sich in Tirana unter diesem Blickwinkel umsieht, wird nicht mehr darüber enttäuscht sein, daß er keine bekannten Postkarten-Monumente findet. Er wird sich plötzlich über kleine, aber eigene Entdeckungen freuen können. Und ihm wird – unerwartet und trotz aller Vorwarnungen – die „fremdenfeindliche“ Bevölkerung sehr schnell näherkommen. Wer indessen in Tirana nur gebrauchsfertige Romantik aus dem „Land der Skipetaren“ photographieren will, wer die farbenprächtige Rückständigkeit des Islam, türkische Pluderhosen, byzantinische Kuppeln, orientalische Nächte oder auch nur die Imitation westlichen Nachtlebens sucht, der wird enttäuscht werden.

In Tirana sind selbst die schönen Baumreihen so ordentlich und naiv ausgerichtet wie bei Rousseau, und das Zentrum der Stadt ist so säuberlich leergefegt wie die frühen Bilder de Chiricos. Wie bei den Surrealisten fällt dem Besucher Tiranas zuallererst die Kombination des Unvereinbaren ins Auge. Die bombastisch breiten Boulevards und Plätze – Zeugnisse des faschistischen Größenwahns der italienischen Besatzer im Zweiten Weltkrieg – bilden einen absurden Kontrast zur ärmlichen Selbstbescheidung und spartanischen Strenge der Albaner.